Zur mobilen Webseite zurückkehren
Schriftgröße ändern:

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2018
Frieden in einer irren Welt
Katholikentag 2018: Ängste, Ideen, Sehnsüchte
Der Inhalt:

»Ansteckende Gesundheit«

Sechzig Jahre Aktion Sühnezeichen: Tausende junger Menschen erleben die heilende Kraft von Versöhnung zwischen Völkern und Kulturen – und bei sich selbst. Eine turbulente Erfolgsgeschichte

Versöhnung ist ein Geschenk. Man kann sie nicht fordern, nicht erkaufen, nicht erzwingen. Man kann sie nur erbitten. Versöhnung setzt Einsicht in Schuld und Bereitschaft zur Sühne voraus, den Willen also, Verantwortung zu übernehmen. Das ist zwischen Völkern nicht anders als zwischen Freunden oder Eheleuten, in der Familie oder im Team.

Im Sommer 1965 gehörte ich zur ersten Gruppe junger Deutscher, die mit der Aktion Sühnezeichen nach Auschwitz gepilgert sind. Wir waren zehn Tage lang von Görlitz aus mit den Rädern unterwegs, haben geschwiegen und gebetet und bescheiden gelebt. Damals, zwei Jahrzehnte nach dem Krieg, waren viele Wunden längst nicht geheilt. Es war durchaus nicht selbstverständlich, als Deutscher in Polen zu sein.

An eine Begebenheit erinnere ich mich wie heute: Es war an einem der ersten Tage, irgendwo in Schlesien. Wir machten in der Mittagshitze Rast und baten an einem Pfarrhaus um einen Schluck Wasser. Als der Pfarrer die deutschen Stimmen hörte, schlug er die Tür zu und beschimpfte uns laut. Erst als ihm unser polnischer Begleiter sagte, dass wir als Pilger nach Auschwitz unterwegs seien, kam er heraus und erzählte uns unter Tränen, was Deutsche ihm und seiner Familie angetan hatten. Wir durften uns am Brunnen bedienen, er gab uns Brot und endlich seinen Reisesegen.

Wie wir damals, haben über die Jahrzehnte hin immer wieder Sühnezeichen-Freiwillige die heilende Kraft der Versöhnung erfahren. Ansteckende Gesundheit nannte Lothar Kreyssig, der Gründer der Aktion Sühnezeichen, das bildkräftig. Die Verstocktheit der Deutschen hatte ihn schon lange umgetrieben. Das tiefe Erschrecken nach dem Krieg über das eigene Versagen, die eigene