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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2018
Frieden in einer irren Welt
Katholikentag 2018: Ängste, Ideen, Sehnsüchte
Der Inhalt:

Assisi als Lehrstück für die Welt

von Stephan Neumann vom 25.05.2018
Wim Wenders inszeniert Papst Franziskus als Wiedergänger des mittelalterlichen Heiligen

Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben?« Der Regisseur Wim Wenders stellt die ganz großen Fragen der Menschheit an den Beginn seines Dokumentarfilms über Papst Franziskus. Parallel dazu blickt der Zuschauer auf das kleine Dorf Assisi in den Hügeln Umbriens. Im Zeitraffer geht die Sonne auf und unter. Schon diese Eingangssequenz macht deutlich, welche enormen Erwartungen Wenders hegt. Vom heiligen Franz von Assisi, dem »Revolutionär der Menschheit«, und von dem Papst, der als Erster seinen Namen trägt und für eine »neue Brüderlichkeit« steht, erwartet sich Wenders Orientierungen in einer Welt der Ungleichheit und Gleichgültigkeit, der Lüge und der Fake-News. Wenders verwandelt das berühmte Fresco von Giotto di Bondone (1267/76-1337) von der Berufung des heiligen Franz vor dem Kreuz in San Daminiano in eine Schwarz-Weiß-Szene. Gedreht mit einer originalen Handkurbelkamera aus den 1920er-Jahren werden markante Szenen aus den Legenden des Heiligen nachgespielt. So parallelisiert er filmisch den göttlichen Auftrag an den Heiligen: »Richte meine Kirche auf«, mit dem konstruktiv-reformatorischen Handeln und Reden des aktuellen Papstes.

Papst Franziskus betont in seiner einfachen, aber profunden Theologie die Einheit der Welt und der Menschheit in der Liebe des einen Gottes für alle. Eine klerikale Kirche als vermeintliche »societas perfecta«, die sich scharf vom profanen Rest der Welt abgrenzt, ist ihm zuwider. Wenders setzt das mit seinen Schnitten wunderbar in Szene. So etwa bei der Ansprache des Papstes im Dezember 2014, als er der römischen Kurie attestiert, an fünfzehn Krankheiten zu leiden. Wie die Kurie darüber denkt, lässt sich an den Mienen der Kardinäle ablesen.

Die kircheninternen Kritiker des Papstes werden in Wenders Film theologischen Tiefgang vermissen. Damit beweisen sie jedoch nur, dass sie inhaltliche Tiefe mit dem Vertiefen von Gräben verwechseln – zwischen Menschen, Konfessionen und Religionen: Wenn sie etwa darauf bestehen, dass Familien beim Abendmahl nach Konfessionen zerrissen bleiben müssen, anstatt den gemeinschaftsstiftenden Sinn des Teilens von Brot und Wein gelebte Wirklichkeit werden zu lassen.

In der Tradition des »Apostels des Zuhörens«, wie der Papst den heiligen Franz nennt, lebt er eine Theologie des Dialogs. Er hat keine Berührungsängste. In Bezug auf den Dialog mit andern Religionen steht er in der guten Tradition von Papst Johannes

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