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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2018
Frieden in einer irren Welt
Katholikentag 2018: Ängste, Ideen, Sehnsüchte
Der Inhalt:

Wem gehört Jesus?

von Anne Strotmann vom 25.05.2018
Christen stellen ihn ins Zentrum ihres Glaubens – doch auch Juden und Muslime haben aufschlussreiche Bilder vom Propheten aus Nazareth

Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt.« Ist im Alten Testament, in Psalm 2, von Jesus die Rede, dem Sohn Gottes, dem Messias? Christen haben es so verstanden, die meisten Juden hielten das für Gotteslästerung. Der Streit um das gemeinsame Erbe begann. Esther Hirsch, als jüdische Kantorin 2000 Jahre später auf dem Katholikentag, bleibt ganz cool. Das Alte Testament im Lichte des Neuen Testaments lesen? »Warum sollte mich das stören?« Sie findet es richtig, wenn biblische Texte neue Perspektiven bekommen. »Wir verändern uns, die Welt verändert sich, wir lesen sie immer mit anderen Augen.«

Andere Juden störte die christliche Vereinnahmung ihrer Traditionen sehr wohl. Immerhin benutzten zwei Jahrtausende lang Christen die biblischen Texte gegen sie, schürten Ressentiments. Dass Jesus Jude war, wurde mit Gewalt verdrängt. Er wurde als Gegner der Juden zu Felde geführt, zumindest aber als ihnen überlegen dargestellt. Die »Deutschen Christen« versuchten gar, ihm eine arische Abstammung zu verpassen. Doch seit dem 18. Jahrhundert bemühten sich Juden auch darum, Jesus »heimzuholen«: mahnender Prophet, Freiheitskämpfer, messianischer Zionist, exemplarischer Jude. Der Rabbiner Walter Homolka, Rektor am Abraham-Geiger-Kolleg, ist einer der renommiertesten jüdischen Jesus-Kenner. Er sagt, Christen hätten auch nach siebzig Jahren jüdisch-christlichen Dialogs noch nicht gelernt, von Jesus so zu sprechen, dass das Judentum nicht abgewertet werde. Jesus war Jude und ist nur als Jude zu verstehen. Magnus Striet, Fundamentaltheologe in Freiburg, schließt sich der Kritik Homolkas an. »Jesus hat sich nie als Messias und Sohn Gottes bezeichnet.« Die Christologie reflektiere das Menschsein Jesu und das jüdische Erbe nicht ausreichend. Die Lehre, Jesus habe mit dem Kreuzestod als Sühnopfer die Menschheit erlöst, findet Striet skurril. Was sei das für ein Gott, der solche Opfer fordere? Wie Striet dann noch christliche Theologie vertreten könne, wundern sich einige Zuhörer. Striet antwortet mit einem Zitat von Umberto Eco. Dieser habe gesagt, wenn es das Evangelium des menschgewordenen Gottes nicht gäbe, müsste man es erfinden. Ein Gott, der in die Niederungen des Menschseins steigt! Weil Christen diese Verrücktheit glauben und bekennen, gingen sie ein Risiko ein, sagt Striet. »Wir fußen auf dem Bekenntnis der ersten Christen. Es könnte falsch sein. Aber ich kann dem was abgewinnen.« Er könne verstehe

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