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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2017
Die Tücken des fairen Handels
Im Norden boomt Fair Trade - im Süden wächst die Kritik
Der Inhalt:

Das Leib-und-Seele-Gespräch: »Endlich sagen, wie es wirklich war«

von Brigitte Neumann vom 26.05.2017
Der Norweger Karl Ove Knausgård schrieb schöne Literatur, um zu gefallen. Aber das fühlte sich wie eine Lüge an. Dann verfasste er eine schonungslose Autobiografie. Und wurde damit weltberühmt

Wie er hinter dem Schreibtisch seines Hotelzimmers in Hamburg steht, sieht er aus wie ein nordischer Adonis: Groß, schön, verwegen. Ein Mann wie ein Bild. Wir setzen uns an den Schreibtisch. Ich schalte das Aufnahmegerät ein. Und Knausgård beginnt an seinem goldenen Ehering zu drehen. Plötzlich ist er nervös. Es scheint, als wolle er schnell hier raus. Ich warte einen Moment. Er bleibt. Ich stelle die erste Frage:

Publik-Forum: Sie sind 48 Jahre alt und mit einer 3600 Seiten umfassenden Autobiografie mit einem Schlag weltberühmt geworden. Gerade ist der sechste und letzte Band mit dem Titel »Kämpfen« auf Deutsch erschienen. Er befasst sich mit den Folgen dieses unerwarteten Ruhms.

Karl Ove Knausgård: Der Ruhm war für mich eine zweischneidige Sache. Einerseits bin ich lieber einsam als unter Menschen. Andererseits ist der Erfolg eine Genugtuung für mich; endlich erhalte ich die Anerkennung für meine Arbeit, nach der ich mich schon so lange gesehnt habe.

Der Ruhm war auch für Ihre Familie eine zweischneidige Sache.

Knausgård: Ja, für meine Frau war es hart. Sie ist bipolar und geriet wegen meiner Bücher in eine Krise. Mein Bruder Yngve mochte nicht, dass ich über ihn schrieb. Und die Familie meines Vaters hat mich verklagt. Dabei hat jede Person, von der ein wichtiger Teil des Buches handelt, das Manuskript vor der Veröffentlichung bekommen. Und wenn dann einer sagte: »Das kannst du nicht bringen!«, etwa weil seine Familie bis heute nicht wusste, dass er einmal versucht hatte, sich aufzuhängen, dann habe ich das natürlich rausgenommen. (Knausgård atmet ein, tief und sorgenvoll, den Blick bisher ausschließlich auf die Tischplatte gerichtet. Pause. Umschwung. Er sieht auf, alle Bedrückung ist aus seinem Gesicht gewichen. Ich sehe einen milden Ausdruck des Triumphs:) Aber am Ende, wissen Sie, habe ich das dringelassen, was ich behalten wollte.

In Ihrer Autobiografie geht es hauptsächlich um Ihren Vater. Sie nannten diese Bücher einmal eine »Vateraustreibung«.

Knausgård: Mein Vater war schwerer Alkoholiker und ein brutaler, dabei kluger Mann, der uns, seinen Söhnen, das Gefühl gab, wir wären ein Nichts für ihn. Ich habe die sechs Bände häufig aus der Perspektive des Sohnes geschrieb

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