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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2016
Hoffnung für die Stadt
Theologe Jürgen Moltmann über Christsein in den kapitalistischen Metropolen
Der Inhalt:

SPIRITPROTOKOLL: Wache Männer

von Anita Rüffer vom 27.05.2016
Auf dem Lindenberg beten wechselnde Männergruppen Tag und Nacht für den Frieden. Arno Gerhart findet dort seine innere Heimat

Anfangs habe ich mich gar nicht getraut, in meinem Dorf zu erzählen, dass ich auf den Lindenberg gehe. »Willst dir wohl einen Heiligenschein abholen?«, haben die Leute gespottet. Schweigeexerzitien – das muss ihnen suspekt vorgekommen sein.

Jetzt mache ich schon 25 Jahre bei der Männergebetswache in der Wallfahrtskapelle Maria Lindenberg im Schwarzwald mit. Wechselnde Männergruppen aus der Diözese Freiburg singen dort Tag und Nacht vor dem Barockaltar für den Frieden in der Welt und in ihrem eigenen Leben. Sie beten für Flüchtlinge und Wirbelsturmopfer oder was sonst aktuell los ist. Dieses ständige Männergebet wird nur durch eine Pause an Weihnachten und in der Karwoche unterbrochen. Angefangen hat das 1955, als der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau fuhr, um deutsche Kriegsgefangene aus Russland zurückzuholen. Die Gebete sollten ihn unterstützen, und die Mission war ja auch erfolgreich.

Ich selbst bin durch einen Zimmernachbarn dazu gekommen, als ich einmal im Gästehaus am Lindenberg übernachtet habe. Dieser Mann hat mich damals mit in die Wallfahrtskapelle genommen – nachts um ein Uhr, als er mit Beten dran war. Wir gingen durch den unterirdischen Gang, der die Kapelle mit dem Gästehaus verbindet. Als ich vor dem Altar ankam, war es, als wäre ich plötzlich in einer anderen Welt, in einer geistigen Tiefe, in der die Nähe zu Jesus unmittelbar spürbar wurde. Ich bin kein Frömmler und kein übertriebener Christ, sondern stehe mit beiden Beinen auf der Erde. Zu Hause hatte ich einen Obst- und Weinbaubetrieb. Inzwischen bin ich 72 Jahre alt und betreibe immer noch Obstbau. Nach wie vor bin ich ein umtriebiger Mensch, bei mir muss immer was gehen. Im Urlaub brauche ich oft mehr als eine Woche, bis der Betrieb mal aus meinen Gedanken verschwunden ist. Aber auf dem Lindenberg brauche ich keinen Tag, um zur Ruhe zu kommen.

Seit dieser ersten Erfahrung komme ich jetzt zweimal im Jahr für eine Woche hierher an diesen für mich »heiligen Ort«, der auf zwei Marienerscheinungen zurückgehen soll. Wir sind eine Gruppe von zwanzig Männern, die sich nach einem festen Stundenplan abwechseln mit Beten, Singen und Sitzen in der Stille. Mit der endlos gleichen Leier des Rosenkranzbetens habe ich mich anfangs schwergetan. Bis mal einer sagte: »Das ist wie Walzertanzen.« Manchmal habe ich während der Anbetung das Gefühl, als würde ich in ein Wa

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