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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2016
Hoffnung für die Stadt
Theologe Jürgen Moltmann über Christsein in den kapitalistischen Metropolen
Der Inhalt:

Kein Platz für Helden

von Martina Läubli vom 27.05.2016
Moderne Literatur will uns nicht trösten, sondern verunsichern – und das ist auch gut so. Ein Gespräch mit dem bekannten Literaturwissenschaftler Mario Andreotti

Publik-Forum: Herr Andreotti, Bücher stehen heute in Konkurrenz zu zahlreichen anderen Medien. Wird deshalb immer weniger gelesen?

Mario Andreotti: Dies ist die landläufige Meinung. Doch das trifft nicht zu. Es wird heute sogar mehr gelesen als vor fünfzig Jahren. In der Schweiz sagen 29 Prozent der Erwachsenen, dass sie in ihrer Freizeit Romane und Erzählungen, also Literatur im engeren Sinn, lesen. Besonders beliebt sind Krimis, auch Kindheitsgeschichten liegen im Trend; es gibt Handyromane und Twitter-Lyrik, die man auf dem Smartphone beim Gehen lesen kann. Die Texte werden zunehmend mehr überflogen: Man liest nicht mehr linear, sondern sucht sich die Stellen aus, die man lesen möchte.

Also gute Aussichten für die Literatur?

Andreotti: Man muss die positive Bilanz relativieren: Die Zahl der Vielleser nimmt zu, speziell bei Mädchen und jungen Frauen. Aber andererseits liest jeder Vierte gar keine Bücher.

Sie haben sich fast das ganze Leben lang mit Literatur beschäftigt. Ihr Buch »Die Struktur der modernen Literatur« ist ein Standardwerk, das kürzlich neu aufgelegt wurde. Was fasziniert Sie an (moderner) Literatur?

Andreotti: Moderne Literatur bringt Kunst und Leben wieder zusammen, während traditionelle Literatur dazu neigt, eine utopische Gegenwelt zu schaffen. Letztlich harmonisiert traditionelle Literatur Lebenswirklichkeiten, fügt die Brüche in unserem Leben in eine literarisch konstruierte Ganzheit ein. Genau dies tut moderne Literatur nicht! Das ist faszinierend. Moderne Literatur versucht, das Leben zu zeigen, wie es wirklich funktioniert: mit all seinen Brüchen und Disharmonien. Zudem ist moderne Literatur keine zeitenthobene Kunst. Vielmehr rückt sie die historischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten radikal ins Blickfeld. Das ist das Gegenmodell zur Klassik.

Will uns moderne Literatur verunsichern?

Andreotti: Ja, bestimmt. Moderne Literatur will eine Illusion nehmen – die Illusion, unsere Welt sei ein geordneter Kosmos, die Wirklichkeit sei überblickbar, kohärent. Wir erwarten gerne, dass Literatur Stimmungen ausdrückt; dass sie uns Trost spendet. Dem verweigert sich moderne Literatur. Anstelle von Trost und Erbauung will sie Erkenntnis und Reflexion.

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