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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2016
Hoffnung für die Stadt
Theologe Jürgen Moltmann über Christsein in den kapitalistischen Metropolen
Der Inhalt:

Mein Attentäter

von Thomas Seiterich vom 27.05.2016
Der Schweizer Theologiestudent Maurice Bavaud wollte Hitler erschießen. Vor 75 Jahren wurde er geköpft. Eine Erinnerung

Ich bin katholisch und barock und da sucht man sich so seine »Heiligen« aus: Am Pinboard vor dem Redaktionstisch hängt (neben der philippinischen Theologin Mary John Mananzan, dem Friedensseelsorger Adrien Ntabona in Burundi und dem Judenretter Oskar Schindler) das Bild eines jungen Mannes: Maurice Bavaud. Wenn ich auf ihn blicke, spüre ich, dass Courage etwas bewirken kann im Leben, dass Mut nicht nutzlos ist.

Maurice Bavaud, ein katholischer Theologe, wurde im Mai vor 75 Jahren in Berlin-Plötzensee geköpft, nach einem Geheimprozess des Volksgerichtshofes. Weshalb? Der Schweizer Seminarist hatte versucht, Hitler am 9. November 1938 bei dem jährlichen Nazi-Traditionsmarsch in München zu erschießen. Leider misslang der Anschlag. Es lag an der Pistole.

In der historischen Ehrengalerie der Hitler-Attentäter spielt der Einzelgänger aus einer Arbeiterfamilie im Kanton Neuchâtel ungerechtermaßen keine Rolle. Liegt es daran, dass Bavaud so fromm war und vor dem Volksgerichtshof seinen Plan zum Tyrannenmord aus dem Glauben rechtfertigte und aus der religiösen Überzeugung, dass Hitler Krieg bedeute und die Welt ins Verderben reiße und jede Humanität zerstöre?

Im Abschiedsbrief an die Eltern, zwei Tage vor dem Fallbeil, einem Dokument echter Seelengröße, in dem er seinen deutschen Peinigern vergibt, erklärt Bavaud: »Ich bleibe im Schoß der katholischen Kirche. Mit Christus verzeihe ich allen (…). Ich sterbe als Christ. Der Gefängnispfarrer spendet mir die Sterbesakramente. Ich lege meine Seele in die Hände Gottes.«

Der deutsche Gefängnispfarrer in Plötzensee hat mit seiner Verachtung für den Schweizer Attentäter nicht hinter dem Berg gehalten. Von den Diplomaten der Schweizer Botschaft und dem damaligen Außenministerium der Eidgenossenschaft wurde er im Stich gelassen. Hans Frölicher, damals Schweizer Botschafter in Berlin, verurteilte die Attentatspläne in einem Brief als verabscheuungswürdig. Gemeinsam mit Ernst von Weizsäcker, dem damaligen Staatssekretär in Hitlers Außenministerium, legte Frölicher fest, wie der Fall Bavaud möglichst geheimzuhalten sei ... Ich gebe zu: Bavaud, der Märtyrer, ist ein seltsamer Heiliger. Unterwegs mit Tunnelblick. Ein Mann des Tyrannenmordes. Die theologischen Überlegungen hierzu gehen auf einen Champion der mittelalterlichen Theologie zurück, auf Thomas von Aquin (1225-1274). Vermutlich ist Maurice Bavaud sehr fre

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