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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2016
Hoffnung für die Stadt
Theologe Jürgen Moltmann über Christsein in den kapitalistischen Metropolen
Der Inhalt:

Dem Sozialamt ausgeliefert

von Gunhild Seyfert vom 27.05.2016
Sie arbeiten als Richter und Lehrerinnen – doch von ihrem Gehalt bleibt ihnen wenig. Als Rollstuhlfahrer sind sie auf staatliche Leistungen angewiesen. Diese gewährt der Staat nur unter harten Auflagen. Das empfinden viele Menschen mit Behinderung als diskriminierend – und machen ihrem Ärger überall in Deutschland Luft

Antje Kröger fährt jeden Tag zur Arbeit und verdient gut als Lehrerin, lebt mit zwei rot getigerten Katzen in einer modernen Wohnung und hat einen Partner. Ein ziemlich gutes Leben – sollte man meinen. Allerdings: Antje Kröger ist seit einem schweren Unfall querschnittgelähmt. Die 48-Jährige sitzt im Rollstuhl und meistert ihren Alltag mit der ständigen Hilfe von Assistentinnen. Weil das Sozialamt einen Teil der Kosten für diese Assistenz übernimmt, muss Kröger Sozialhilfe beantragen, alle ihre Einkünfte offenlegen und Teile ihres Gehalts abgeben. Vor allem aber darf sie keine Ersparnisse haben. Selbsthilfegruppen und Wohlfahrtsverbände halten diese Situation für demütigend. Sie fordern ein Recht auf Teilhabe, bei dem solche Leistungen unabhängig von den persönlichen Einkünften und Vermögen gewährt werden.

Ein neues Teilhabegesetz sollte das ermöglichen, hofften Betroffene wie Antje Kröger, die in Wirklichkeit anders heißt. Seit Ende April ist der Entwurf des geplanten Gesetzes bekannt – und die Reaktion von Betroffenen reicht von Enttäuschung bis Zorn. »Der Entwurf geht nicht weit genug auf die Forderungen von Menschen mit Behinderungen ein, es drohen sogar Verschlechterungen«, sagt Aktivist Raul Krauthausen, der selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist und gemeinsam mit anderen unter dem Schlagwort NichtMeinGesetz zum Protest dagegen aufruft. Mitte Mai demonstrierten mehr als 2000 Menschen mit Behinderung in Berlin; 25 Rollstuhlfahrer – unter ihnen Krauthausen – ketteten sich über Nacht am Reichstagufer an, um gegen das geplante Teilhabegesetz sowie für eine gesetzlich verankerte Pflicht zur Barrierefreiheit zu demonstrieren. Denn wer sich im Rollstuhl fortbewegt, kommt in viele Geschäfte, Arztpraxen oder Kinos nicht hinein.

Auch Antje Kröger geht das oft so. Auf den Rollstuhl ist sie angewiesen, seit sie im Alter von 15 Jahren beim Baden einmal ungeschickt ins Wasser sprang und sich dabei schwer verletzte. Seitdem ist sie vom fünften Halswirbel abwärts gelähmt. Ihre Arme kann sie zwar noch bewegen, aber sie sind schwach und schmerzen oft, ihre Finger sind bewegungslos. Seit dem verhängnisvollen Unfall kann sie weder gehen noch stehen und sich auch im Bett nicht mehr selbst umdrehen. Sie braucht Hilfe bei fast allem: beim Aufstehen, auf der Toilette und beim Duschen. Ihr Essen muss in mundgerechte Portionen geteilt werden, sie muss mit dem Rollstuhl gefahren u

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