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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2014
Klaus Mertes: Was sich in der katholischen Kirche ändern muss
Der Inhalt:

Chronist der Widersprüche

von Holger Zimmer vom 23.05.2014
Seine Bilder aus dem Alltag der DDR waren den Regierenden ein Ärgernis – und haben ihn berühmt gemacht. Zum sechzigsten Geburtstag von Harald Hauswald zeigen jetzt Ausstellungen in Berlin und Leipzig seine Fotografien

Fotografie ist für mich das pure Leben«, sagt Harald Hauswald und lacht. Der Berliner Fotograf ist ein fröhlicher Mensch. Ein ruhiger und genauer Beobachter, ein Chronist seiner Zeit. Ende der 1970er-Jahre kam der gelernte Fotograf aus Dresden nach Ostberlin und arbeitete zunächst – als Telegramm-Bote. Im Dienst lief er viel durch die ganze Stadt und hielt unerwartete Augenblicke mit seiner Kamera fest. Meist ohne Auftrag oder Termin, er ließ sich einfach treiben und fing ein, was ihn umgab.

So entstanden viele der bekannten Fotos von Menschen in der U-Bahn auf dem Weg zur Schicht, von Schlangen vor den Kaufhallen. Hauswald zeigte die Widersprüche, wenn großspurige Parolen auf die Realität trafen – und er dokumentierte, wo Menschen ihr eigenes Leben lebten, auch abseits des vorgegebenen sozialistischen Weges. Gleichzeitig war er Teil der Szene in Prenzlauer Berg und feierte fröhliche Feste in Hinterhöfen, Rock-Konzerte, Gottesdienste. Seine Bilder davon sind heute noch Dokumente dieser Zeit.

In den 1980er-Jahren schmuggelte Harald Hauswald seine Abzüge auf konspirativen Wegen in den Westen. Allzu deutlich zeigten seine Bilder den Gegensatz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus. Lediglich die Berliner Kirchenzeitung wagte es, solche Fotos zu drucken, den Funktionären stießen sie sauer auf. So geriet der Fotograf wegen »negativ-feindlicher Haltung« selbst ins Visier. Er wurde überwacht und schikaniert. Bis zu vierzig Stasi-Mitarbeiter waren auf ihn angesetzt, seine Akten wiegen sieben Kilo. Hauswald erkannte die Spitzel unter anderem »an ihren Herrenhandtäschchen oder der Stullenbüchse«, sagt er. Dabei hatte er noch Glück: Seine Bekanntheit im Westen bewahrte ihn vor Haft oder Schlimmerem.

Nach der Wende gründete Hauswald mit Freunden die inzwischen renommierte Foto-Agentur Ostkreuz. Ostkreuz lebte anfangs von ihrer DDR-Kompetenz, doch schnell war der Blick der Fotografen weiter gefasst, sagt Hauswald: »Wir haben in Berlin, DDR, angefangen, und jetzt sind wir in der Welt unterwegs. Das ist schon ein gewaltiger Sprung.«

So fährt der Ostkreuz-Fotograf quer durch Europa, findet die Melancholie in der Peripherie der neuen Staaten der Europäischen Union oder dokumentiert die wuchernde Megalopolis Schanghai. Als er die beeindruckenden Hochhäuser sieht,

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