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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2013
Die Weisheit des Körpers
Wie wir lernen, unseren Gefühlen zu vertrauen
Der Inhalt:

Die Weisheit des Körpers

von Andrea Teupke vom 31.05.2013
Wie wir lernen können, unseren Empfindungen zu vertrauen: Focusing hilft, dem gefühlten Sinn auf die Spur zu kommen

Einmal im Monat hat Susanne Reichert eine Verabredung. Sie setzt sich auf einen bequemen Sessel in ihrem Arbeitszimmer, stellt die Füße auf ein Kissen – der Boden hier ist kalt, sagt sie – und wählt eine Telefonnummer. Eine Weile plaudert sie mit ihrer Gesprächspartnerin, dann legt sie den Hörer des Telefons auf ein Tischchen neben sich und stellt den Apparat auf Lautsprecher. Sie schließt die Augen, folgt den Anweisungen aus dem Telefonlautsprecher, sich zu entspannen, und scheint schließlich völlig versunken. Zögernd, mit leiser Stimme sagt sie: »Da ist so etwas … ich weiß nicht genau … etwas wie ein Klumpen in der Brust«, worauf die Stimme aus dem Telefon freundlich fragt: »Kannst du da genauer hinspüren?«

Ist das Meditation? Oder eine Form der Therapie? Weder noch. Was Susanne Reichert tut und wobei ihre Gesprächspartnerin sie begleitet, nennt sich Focusing: eine Methode, mit sich selbst in Kontakt zu kommen und dem inneren Erleben nachzuspüren. Dieses freundliche und geduldige Hinspüren hilft nicht nur herauszufinden, was man wirklich will; es kann auch zu neuen und überraschenden Einsichten führen und vor allem: Es ist einfach und immer und überall anwendbar – sogar per Telefon.

Erfunden – oder besser gesagt: entdeckt – wurde Focusing von dem amerikanischen Philosophen und Psychotherapeuten Eugene Gendlin. Er arbeitete in den 1960er-Jahren in Chicago mit Carl Rogers, dem Begründer der klientenzentrierten Gesprächsführung, zusammen und erforschte, warum Psychotherapien manchmal gelingen und manchmal nicht. Unabhängig von der Kompetenz, der Methode oder der Persönlichkeit der Therapeuten schien es weitgehend zufällig zu sein, ob ein Patient von einer Therapie profitierte oder nicht. Nachdem Gendlin Hunderte von Tonbandaufzeichnungen analysiert hatte, machte er eine folgenreiche Entdeckung: In nahezu allen Therapien, die erfolgreich verliefen, gab es in der ersten oder zweiten Sitzung einen Moment, in dem das Gespräch ins Stocken geriet. Der Klient oder die Klientin schien in sich hineinzuspüren und nach einer Beschreibung zu suchen für ein körperliches Empfinden, das unklar und vage war: »Da ist etwas, wie … nein, irgendwie anders … es fühlt sich an wie eine Enge … oder eher wie ein Druck …«

Wenn es diesen Moment des Innehaltens und der Suche nach einem unbestimmten, inneren Empfinden gab, konnten Gendlin und seine Mitarbeiter

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