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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2013
Die Weisheit des Körpers
Wie wir lernen, unseren Gefühlen zu vertrauen
Der Inhalt:

Ich habe nichts verbrochen!

von Anke Schwarzer vom 31.05.2013
Nurjana Arslanova (22) hat die Hälfte ihres Lebens in Deutschland verbracht. Nun soll sie abgeschoben werden

Heute Morgen musste ich zur Ausländerbehörde. Mein Vater, mein Bruder und ich möchten den Führerschein machen. Ich weiß nicht, was genau geprüft wird – jedenfalls brauchen wir eine Genehmigung dafür. Ich muss einen Antrag beim Verkehrsamt stellen. Dieses fragt dann bei der Ausländerbehörde, ob sie dem Antrag zustimmt. Weil der Antrag fünfzig Euro kostet und man das Geld auch bei einer Ablehnung nicht zurückerstattet bekommt, habe ich schon einmal bei der Ausländerbehörde vorgefühlt: Sie wollen dem Antrag zustimmen.

Meine Familie wohnt in Gifhorn, in Niedersachsen. Geboren bin ich in Dagestan, einer russischen Republik am Kaspischen Meer. Eigentlich möchte ich nicht über diese Zeit sprechen. Sie ist vergangen, und ich beschäftige mich mit der Zukunft. Mein Vater floh, weil meine Eltern dort verfolgt wurden. Es war nicht geplant, dass er nach Deutschland geht. Das hat sich so ergeben. Anderthalb Jahre später, als ich elf Jahre alt war, bin ich zusammen mit meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder auch aus Dagestan geflohen. 2002 kamen wir in Braunschweig an.

Ich erinnere mich noch, dass im Lager ganz viele Menschen aus vielen verschiedenen Ländern lebten – und auch viele Kinder. Eine Schule gab es dort nicht. Das Lager war eingezäunt, man konnte nicht einfach rein und raus. Schon gar nicht wir Kinder. Das ist mir als Erstes aufgefallen.

Wir hatten nur vierzig Euro im Monat. Nach Monaten des Wartens wurde unser Asylantrag abgelehnt, weil man uns nicht glaubte. Wir bekamen eine Duldung. Manchmal für eine Woche, mal für einen Monat, mal für drei Tage. Der Leiter der Ausländerbehörde sagte immer wieder, dass wir abgeschoben würden.

Ich besuchte die fünfte Klasse der Erich-Kästner-Schule in Braunschweig. Da konnte ich noch kein Wort Deutsch, und an der Schule waren fast nur deutsche Kinder. Nach dem Hauptschulabschluss machte ich noch die mittlere Reife. In Deutsch war ich sehr gut. Vor allem Rechtschreibung hat mir Spaß gemacht. Ich habe mich aber auch für die Fächer Geschichte und Politik interessiert. Heute mache ich eine Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistentin.

Jahrelang habe ich Gifhorn nicht verlassen, da es uns nicht erlaubt ist, ohne Genehmigung in Deutschland zu reisen. Wir hatten auch kein Geld dafür. Gleichzeitig war es sehr seltsam, denn ich wusste, dass in Russland Straftät

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