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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2013
Die Weisheit des Körpers
Wie wir lernen, unseren Gefühlen zu vertrauen
Der Inhalt:

Der Verlust des Mitgefühls

von Norbert Copray vom 31.05.2013
Ohne Empathie ist keine gesellschaftliche Erneuerung möglich

Arno Gruen
Dem Leben entfremdet
Warum wir wieder lernen müssen
zu empfinden. Klett-Cotta. 208 Seiten. 19,95 €

Naturwissenschaft und technologische Errungenschaften haben die Leistungsfähigkeit des Menschen um ein Vielfaches gesteigert. Manche halten den Menschen für geradezu unbesiegbar, selbst im Blick auf Katastrophen, Seuchen und Finanzdesaster. Nicht von ungefähr singen daher viele nach wie vor das Lob auf unbegrenztes Wachstum, wenn auch Kundigen die Grenzen des Wachstums seit Langem klar sind. Und natürlich stellen sich dann keine wirklich widerspruchsfreien Konzepte für eine menschliche und gesellschaftliche Entwicklung ohne ökonomische Wachstumsimperative ein. Die Menschheit in ihrer Mehrheit hat sich einen Glauben an die eigene dauerhafte Überlegenheit zugelegt. So wird der Mensch zwangsläufig unempfindlich: erst für das Leben der anderen, der Menschen, Tiere und Pflanzen, und dann für das eigene Leben.

Damit aber ist er »dem Leben entfremdet«, wie der neunzigjährige Psychoanalytiker und Schriftsteller Arno Gruen sein neues Buch treffend betitelt. Durch die »Gleichsetzung von ›Größe‹ mit ›Fortschritt‹« werde die Entwicklung der Technik zugleich für die Entwicklung des Menschlichen gehalten. So kam es zu einer »Umpolung der Motivationen, die Macht, Unterwerfung und das Beherrschen anderer förderten, wodurch das Menschliche, die Empathie und die damit verbundenen Fähigkeiten«, zweitrangig wurden und unter die Fortschrittsräder gerieten. Die Bewunderung von Siegern, die Propagierung von Heldentum und durchsetzungsfähigen Typen sei die Kehrseite der Missachtung und Zurücksetzung des Weiblichen, das mit Verletzlichkeit, Empfindlichkeit, Bedürftigkeit und Angst in Verbindung gebracht wird.

Gruen will zeigen: »Die Geschichte der großen Zivilisationen ist die Geschichte der Unterdrückung unserer empathischen Natur.« Da erscheint alles feindlich, was unsere Verletzlichkeit berührt, unser Mitgefühl erregt, unsere Grenzen spüren und erkennen lässt. Alles Lebendige muss demzufolge beherrscht, kontrolliert, besessen und bekämpft werden.

Wer dazu nach Macht strebt oder sich dafür der Macht unterwirft, was im Ergebnis auf das Gleiche hinausläuft, poliert seine Unfähigkeit auf, »das eigene empathische Erleben wahrzunehmen, weil dies mit Angst und Unsicherheit als Zeichen von Schwäche gebrandma

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