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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2013
Die Weisheit des Körpers
Wie wir lernen, unseren Gefühlen zu vertrauen
Der Inhalt:

»Der reine Wahnsinn«

von Bettina Röder vom 31.05.2013
Beinahe-Katastrophe während des Kirchentages: Brennender Frachter mit Atommüll im Hamburger Hafen löst Proteste aus

Da waren nur Himmel und Menschen«, erinnert sich der Hamburger Pastor Thomas Jeutner an den Eröffnungsgottesdienst zum Evangelischen Kirchentag im Hamburger Hafen. »Vor allem aber war es eng«, sagt er. »Und dann immer diese Kante von den Kai-Anlagen.« Nur schiebend sei man vorangekommen, es sei zum Teil beklemmend gewesen. »Da hatten die Menschen zu wenig Platz, vor allem waren keine Fluchtwege einkalkuliert.« Jeutner war mit seinen beiden Töchtern in der Menge am Wasser, und im Nachhinein graust es ihn. »Nicht auszudenken, wenn da Panik ausgebrochen wäre.«

Die Rede ist von dem brennenden Frachter im Hamburger Hafen gut 500 Meter Luftlinie von den fröhlich feiernden Menschen entfernt. Über 200 Feuerwehrleute haben ihn 27 Stunden professionell gelöscht, so gut wie keiner hat es gemerkt. Es hätte sehr viel anders kommen können.

Der Physiker Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, kann sehr genau beschreiben, wie das ausgesehen hätte. Wie kaum ein Zweiter hat er sich mit den Gefahren der Kernenergie beschäftigt. Denn das Schiff hatte zwanzig Tonnen radioaktives Material geladen, darunter neun Tonnen hochgiftiges Uranhexafluorid. Hinzu kamen vier Tonnen Munition plus 180 Tonnen Industriealkohol. »Die Mischung ist der reine Wahnsinn«, sagt der Experte. Denn beschädigt die explodierende Munition die Behälter der Fässer mit dem Uranhexafluorid, ist bei einem Brand die Katastrophe vorprogrammiert.

»Das Gift tritt aus, bei fünfzig bis sechzig Grad wird es gasförmig, vermischt sich so mit der Luft. Durch deren Feuchtigkeit, im Hafen zumal, entsteht Flusssäure«, so Pflugbeil. »Die frisst sich sogar durch Glas, macht alles kaputt, erstickt, was lebt.«

Wie die Hamburger Staatsanwaltschaft gegenüber Publik-Forum erklärte, sind die Ermittlungen der Wasserschutzpolizei wegen Brandstiftung noch nicht abgeschlossen. Bisher habe sich nicht der Verdacht einer Straftat ergeben. »Wir warten noch auf den Abschlussbericht des Landeskriminalamtes. Wenn die zu einem anderen Ergebnis kommen, kann sich das Blatt schnell wenden«, so Sprecher Carsten Rinio. Eine Genehmigung habe es gegeben: »Der Hamburger Hafen ist nun mal Umschlagplatz für solche Güter.«

Sebstian Pflugbeil

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