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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2011
Christen müssen selber denken
Der Theologe Klaus-Peter Jörns zur Glaubenskrise
Der Inhalt:

»Da wird nichts vernebelt«

von Rainer Isak vom 18.05.2011
Gott aus der Natur erkennen? Warum Eugen Drewermann recht hat, auch wenn er dem Mystiker Teilhard de Chardin unrecht tut

Kann »Gott, aller Dinge Grund und Ziel, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft erkannt werden«, wie es das Erste Vatikanische Konzil 1870 bekannt hat? Als katholischer Theologe stimme ich hier der Skepsis der protestantischen Theologie zu, die diesen Satz mehrheitlich als religiöse Selbstüberschätzung der menschlichen Vernunft zurückweist: Gott bleibt unbegreiflich, ihn mit unserem Verstand begreifen zu wollen bedeutet letztlich, Gott zu einer Kategorie unserer Vernunft zu degradieren.

Diese Kritik am (neu)scholastischen Einheitsideal von Vernunft, Wissen und Glauben wurde durch den Siegeszug des naturwissenschaftlichen Denkens weiter untermauert. In der Folge wurde nämlich (unser Wissen von der) Natur in der Tat zu einem »Ort der Verlorenheit«, wie es Eugen Drewermann pointiert zum Ausdruck bringt (Publik-Forum 6/2011).

Unser naturwissenschaftliches Wissen über die Evolution des Kosmos lässt uns zu einem einsamen und verlassenen Spielball dieses ewigen Werdeprozesses werden. Der Mensch muss »aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden und Verbrechen«. So hat es der Naturphilosoph Jacques Monod formuliert.

Natürlich können wir auch im 21. Jahrhundert über die Schönheit und Komplexität der (belebten) Natur staunen und kann »dieses Staunen in Ergriffenheit umschlagen« (Christian Kummer in Publik-Forum 2/2011). Doch das Objekt dieses subjektiven Gefühls lässt sich naturwissenschaftlich als Produkt eines vermeintlich ziellosen Selektionsprozesses entmystifizieren.

Glauben im 21. Jahrhundert kann meines Erachtens deshalb nur existenzialistisch gelebt werden, so wie es Eugen Drewermann in seiner Theologie konsequent zum Ausdruck bringt. Der sinnsuchende Mensch kann nicht mehr selbstverständlich auf eine feste göttliche Ordnung und einen handelnden Gott zurückgreifen. Die Sinnsuche fällt auf den Menschen selbst zurück. Die Theologie wird damit zur religiösen Anthropologie, in Eugen Drewermanns Theologie konsequent durchdacht. Der spirituelle Mensch lebt eine religiöse Gegenwelt gegen eine kalte, vermeintlich sinnleere Natur: eine jes

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