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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2010
Rebellion auf leisen Sohlen
Der Ökumenische Kirchentag in München
Der Inhalt:

»Gott ist schön«

von Thomas Seiterich vom 28.05.2010
Der deutsch-iranische Kulturwissenschaftler Navid Kermani wird von Juden und Christen geehrt

Wie viel Schönheit entsteht, wenn Menschen verschiedener Religionen jahrhundertelang in einer Stadt gut miteinander leben, das hat Navid Kermani in seiner Kindheit erlebt: in Isfahan, der schönsten iranischen Stadt. Heute wohnt der aus der iranischen, schiitisch-islamisch geprägten Geisteswelt stammende Kermani mit seiner Familie unweit vom Kölner Hauptbahnhof im Multikulti-Viertel Nippes.

Schönheit hat es Kermani angetan. Sein aktuellstes Werk: eine hochgescheite und einfühlsame Bildbetrachtung in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) über »Das Martyrium der Heiligen Ursula« des Renaissance-Malers Caravaggio. Der vom religiös begründeten Bilderverbot des Islams geprägte 42-Jährige unternimmt gerne kreative Ausflüge in die christliche Bildkunst des Abendlands. Dies sorgt dann auch schon mal für Konflikte.

So stiegen der frühere hessische Kirchenpräsident Peter Steinacker und der Mainzer Kardinal Karl Lehmann als wortgewaltige Verteidiger des christlichen Kreuzes gegen Kermani in den Ring, als dieser im März 2009 in einem NZZ-Artikel das imposante Kreuzesgemälde von Guido Reni (1575-1642) über dem Hochaltar der Kirche San Lorenzo in Lucina aus islamischer Sicht – also aus einer »Nichterlösungs«-Perspektive – interpretierte. Mit einem »Verächter« des Kreuzes wollten die beiden nicht gemeinsam den Hessischen Kulturpreis empfangen. Kermani erklärte seine Sichtweise und deren Hintergründe. Man sprach ausgiebig miteinander – und nahm schließlich doch gemeinsam den Preis entgegen.

Kermani, von eher schmächtiger Statur, wirkt als ein intellektueller und ästhetischer Brückenbauer zwischen dem Westen und dem Iran. Deshalb wird er jetzt mit der Buber-Rosenzweig-Medaille der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit geehrt. Politisch stellt sich der Schriftsteller und Publizist entschieden auf die Seite der iranischen Opposition gegen das Mullah-Regime. Erschütternde Videos über die blutige Unterdrückung der Regimegegner dokumentiert er auf seiner Homepage.

Auf die Toleranz-Kultur seiner deutschen Wahlheimat Köln lässt Kermani nichts kommen. Geradezu begeistert berichtete er einmal in einer Reportage für die Süddeutsche Zeitung über die kontroversen Bürgerdebatten um den Bau der großen

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