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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2010
Rebellion auf leisen Sohlen
Der Ökumenische Kirchentag in München
Der Inhalt:

Der Urgrund und das Erdbeben

von Willigis Jäger vom 28.05.2010
Warum die Mystik alle Konfessionen übersteigt – und die allumfassende Liebe auch das Böse einschließt. Eine Entgegnung auf den Artikel »Erleuchtung trifft Auferstehung«

In ihrem Beitrag »Auferstehung trifft Erleuchtung« (Publik-Forum 6/2010) hatte die Religionswissenschaftlerin Ursula Baatz dem christlichen Zen-Lehrer Willigis Jäger vorgeworfen, die Fähigkeit zur ethischen Unterscheidung verloren zu haben, weil er den Holocaust und Erdbeben auf eine Stufe stelle und beides aus dem göttlichen Urgrund erwachsen lasse. Nachfolgend eine Entgegnung des ehemaligen Benediktinerpaters.

Eine wirkliche mystische Erleuchtungserfahrung übersteigt Buddhismus, Hinduismus, Islam, Judentum und Christentum. Sie übersteigt den Asiaten, den Europäer, den Afrikaner und Amerikaner. Es gibt im Menschen eine Ebene des Erfahrens jenseits eines jeden Glaubensbekenntnisses. Sie liegt auch jenseits der Person von Jesus und Siddhartha Gautama. Man kann sie Buddha-Bewusstsein oder Christus-Bewusstsein nennen. Am besten benennt man sie gar nicht.

Vergleichen oder gegenüberstellen darf man Zen und Mystik, Buddhismus und Christentum, Buddha und Christus, Shakyamuni und Jesus – aber nicht Auferstehung und Erleuchtung. Zen übersteigt den Buddhismus, wie die christliche Mystik jede christliche Konfession übersteigt. Die Einheit von beiden liegt auf der transrationalen Ebene. Es ist für den, der dort angelangt ist, ein erschütterndes Widerfahrnis, das ihn seine Konfession als Weg in die Erfahrung neu begreifen lässt.

Sechs Jahre verbrachte ich im Buddhistischen Zentrum von Yamada Koo-un Roshi in Kamakura (Japan), wo ich täglich in seinem Zendo (Meditationshalle) einige Stunden im Zazen (im meditativen Sitzen) verbrachte. Dem Jesuitenpater Hugo Lassalle bin ich dort immer wieder begegnet. Ich assistierte ihm in seinen Sesshins (intensive Zen-Meditation) in Shinmeikutsu und in Deutschland. Lassalle war ein treuer Katholik. Selbst in den Sesshin in Kamakura zog er sich jeden Tag in eine Ecke des Zentrums zurück, um ganz allein für sich die Heilige Messe zu lesen. Er hat seinen Glauben nie überstiegen.

Für Yamada war klar, dass die Zen-Erfahrung alles Konfessionelle übersteigt. Manche seiner Aussagen über das Christentum werden falsch gedeutet. Wir sprachen oft miteinander, ich kannte Yamadas Position im Bezug auf die Religion: Man muss aus der Konfession nicht aussteigen, doch ist sie »nur« der Weg in die Erfahrung und nicht das Wesen der Religion selbst.

Die Erfahrung liegt jenseits der Konfe

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