Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2020
Arbeiten und Leben nach Corona
Was wir aus der Krise lernen können
Der Inhalt:

»Zeit des Aufbruchs«

von Barbara Tambour vom 15.05.2020
Sozialprotokoll: Charlotte Sarmont (18) macht gerade Abitur. Sie ist enttäuscht: Wegen Corona wird es wohl keine Feier und keine Reisen geben

Ich mache gerade mein Abitur. Am 30. März hatte ich meine letzte schriftliche Prüfung und am Tag darauf bin ich 18 geworden. Beides wollte ich gerne feiern und hatte auch schon einen Raum dafür gemietet. Aber aus der Feier wurde nichts wegen der Kontaktsperren aufgrund der Corona-Pandemie.

Es ist auch noch nicht klar, ob es für meinen Jahrgang überhaupt eine Abifeier geben wird. Dabei hatten wir das ganze Schuljahr über in der Pause Waffeln verkauft, um Geld für unsere große Abifeier zu verdienen. Das war wohl alles vergebens. Ich habe noch Glück, dass ich mir noch kein Ballkleid gekauft hatte. Einige haben das schon gemacht – jetzt hängt es im Schrank.

Es ist schon komisch: Wir Abiturienten sind an einem Tag im März zur Schule gegangen und wussten nicht, dass es unser letzter Unterrichtstag nach zwölf Jahren sein würde. Jetzt bereite ich mich zu Hause auf die mündlichen Prüfungen in Erdkunde und Englisch Ende Mai vor. Auch meine beiden jüngeren Geschwister arbeiten zu Hause für die Schule. Allerdings bekommen sie viel mehr Arbeitsaufträge als ich. Wir Abiturienten werden eher geschont, damit wir uns aufs Abi konzentrieren können.

Bis Mitte März hatte ich einen supervollen Terminkalender und jetzt ist er fast leer. Kein Unterricht, keine Lerngruppen. Um mit dieser Leere umzugehen, habe ich mir feste Strukturen gegeben. Den Vormittag verbringe ich am Schreibtisch in meinem Zimmer. Und ich mache regelmäßig Yoga. Meistens rolle ich gleich nach dem Aufstehen meine Yogamatte vor dem Fenster aus. Zuerst war Yoga für mich nur Sport. Aber es hat immer mehr eine spirituelle Ebene bekommen. Am Ende der Übungen liege ich in Stille da. Die Gedanken, die mir da kommen, schreibe ich oft auf. Obwohl ich derzeit fast nur zu Hause bin, nicht viele Anregungen von außen erhalte, geht mir im Moment besonders viel durch den Kopf. Das Aufschreiben hilft mir, diese Gedanken zu ordnen.

Noch habe ich ein Ziel vor mir, die mündlichen Prüfungen. Aber danach – was soll ich danach anstellen? Tagelang recherchieren, welche Studiengänge es gibt? Es war ein Traum von mir, nach dem Abitur ein Jahr lang zu reisen und Praktika zu machen. So wollte ich herausfinden, was ich wirklich will und kann. Aber jetzt sitze ich hier in der Wetterau in meinem Elternhaus fest.

Wir sind

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen