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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2020
Arbeiten und Leben nach Corona
Was wir aus der Krise lernen können
Der Inhalt:

Auch Gehirne brauchen Nähe

von Udo Taubitz vom 15.05.2020
In Corona-Zeiten gelten Videochats und Online-Seminare als die Lösung aller Probleme. Doch echte Erfahrung lässt sich so nicht machen. Eindrücke eines Kommunikationstrainers

Meine Tante Gertrud hat zum ersten Mal einen Gottesdienst im Livestream besucht. »Schrecklich!«, weinte sie am Telefon, »unser Pfarrer ganz allein in der Kirche – und kaum zu verstehen. Ich hab mich einsamer gefühlt als vorher.« Dabei hört man doch jetzt überall, dass die Zukunft in digitaler Zusammenkunft läge. Nur: Diese Zukunft funktioniert nicht. Nicht für Gottesdienste und auch nicht in meinem Metier. Ich verdiene mein Geld vor allem als Schreib- und Kommunikationstrainer.

»Das geht doch auch per Videochat, oder?« So langsam krieg ich bei dieser Frage das Würgen! Immerhin signalisiert das »oder«, dass auch beim Absender leichter Zweifel mitschwingt. Doch die Verzweiflung ist groß. Bei meinen Kunden, die ihre Weiterbildungen trotz Corona irgendwie über die Bühne bringen wollen, und bei uns Trainern: sämtliche Präsenzseminare sind abgesagt, unser Einkommen verebbt. Es klingt also verführerisch: Notebook aufklappen, Adobe Connect starten, den Leuten was erzählen, paar Powerpoints durchklicken – Honorar einstreichen. Besser als nichts, werden manche jetzt sagen. Trotzdem bleibe ich dabei: Eins-zu-Eins-Austausch geht online unter Umständen okay, aber Gruppenerlebnis aus Distanz ist nicht, vor allem nicht mit Unbekannten.

Videoschalten sind super, um Fliesenlegern die schönsten Fugentricks zu zeigen. Oder um Versicherungsvertretern zu erklären, wie sie die neue Renten-App nutzen. Aber für ordentliche Texterseminare taugen sie genauso wenig wie für Empathieübungen oder Achtsamkeitsworkshops! Wer würde von einem Yogatutorial auf Youtube das Gleiche erwarten wie von einer Yogastunde im Studio? Da sorgen nicht nur Räucherstäbchen für Wohlgefühl, da geht der Lehrer rum und assistiert, von Körper zu Körper, von Mensch zu Mensch. Ich traue mich das kaum zu schreiben: Es geht irgendwie auch um Energie, die fließt – oder eben nicht. Und die kollektive Energie von Körpern ist ein unglaublich effektives Instrument.

Ja, klar: Kurze Videokonferenzen können effektiver sein als persönliche Meetings. So wie fünf Minuten Cybersex effektiver sein können als richtiger Sex. (Zumindest für Männer, wie ich höre.) Aber bei allem, was tiefer gehen soll, kommt es auf echten Austausch an. Wie soll hochkomplexes zwischenmenschliches Interagieren gelingen, wenn ich nur das bisschen von meinem Gegenüber sehe, was die Webcam zeigt? Wenn Bild und Ton zeitversetzt ruckeln und jegliche Berührung e

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