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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2020
Arbeiten und Leben nach Corona
Was wir aus der Krise lernen können
Der Inhalt:

Was heißt es,Mensch zu sein?

von Daniel Rumel vom 15.05.2020
Über Hieronymus Boschs »Die Versuchung des Heiligen Antonius«

Hieronymus Bosch konfrontiert uns in seinem um 1500 angefertigten Gemälde mit einem Wimmelbild der Grausamkeiten, bevölkert von Halbmenschen, die einander zu Monstern geworden sind. Zwar sieht man in der Mitte des Bildes eine offenbar wohltätige Frau, die auf der Treppe sitzenden Bettlern ein Schale reichen möchte, doch selbst ihr Hinterteil geht über in einen Reptilienschwanz, mit dem der Maler zum Ausdruck bringt, dass es auch mit ihrer wohlwollenden Haltung nicht weit her sein kann. Der Rest der Gestalten ergeht sich in trieberfüllter Genusssucht. Direkt links neben dem zentralen Ruinenturm versucht man dabei noch die Etikette zu wahren, woanders verliert man sie gänzlich. Der zerbrochene Apfel links im Bild weist auf den Hintergrund der dargestellten Grausamkeiten: Nachdem der Mensch in die Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse gebissen hat, sieht er sich genötigt, aus Angst um das eigene Dasein seinem Gegenüber zur Bestie zu werden. Wie Kain den Abel erschlug, so scheint in diesem Bild alles aufeinander loszugehen und dabei noch eine beängstigende Fröhlichkeit an den Tag zu legen. Das Bild wirkt surrealer als manches Gemälde von Salvador Dalí und konfrontiert uns dennoch mit einer Realität, die nichts an Wirklichkeit eingebüßt hat.

Hieronymus Bosch richtet an den Betrachter eine Frage: Was heißt es, wirklich Mensch zu sein? Es hieße sicherlich, aus der Dynamik der Angst um das eigene Dasein Stück für Stück herauszuwachsen; aus der Angst, nicht zu genügen und gleichzeitig nichts zu finden, das genügen könnte. Wie niedergedrückt von dem Gesamtgeschehen kniet in der Mitte des Bildes der heilige Antonius. Er ist der Vater der christlichen Monastikos, der Allein-Stehenden. In einem Blick, in dem Verzweiflung und Hoffnung liegen, weist er auf Christus als einzige Lösung, als wollte er sagen: »Siehe dort, ein Mensch.« Den Halbwesen müsste eine Liebe erfahrbar werden, die sie tatsächlich meint. Nur dadurch wäre es möglich, die Todesdynamik des Fressens und Gefressenwerdens in tatsächliches Leben zu verwandeln. Im dunklen Innenraum einer mit alttestamentlichen Szenen geschmückten Ruine weist Jesus auf das Kreuz als sein eigenes Schicksal. Die Treppe zur Kapelle ist steil, der Raum fast zu dunkel, um wahrzunehmen, was in ihm geschieht. Die Kleriker, die eigentlich den Zugang vermitteln sollten, sind in die Todesdynamik eingespannt, wie ein schweinsköpfiger Priester verdeutlicht, der sich s

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