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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2019
Ach, Europa
Vielfältig, widersprüchlich, wunderbar – die EU vor der Wahl
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich war die Hauptfigur in meinem Thriller«

von Eric Breitinger vom 10.05.2019
Mit 28 Jahren erkrankte Klaus Gauger an paranoider Schizophrenie

Gegen drei Uhr in einer klirrend kalten Februarnacht des Jahres 1994 wurde ich verrückt. Ich zerlegte alle Lampen, schlug mit der Faust ein Loch in die Holzvertäfelung neben dem Bett, riss die Latten von der Wand, warf mein Bett um, inspizierte alles. Meine Mutter stand plötzlich in der Tür, sagte: »Hier gibt es keine Mikrofone.« Ein Ablenkungsversuch. Es war klar, dass sie mich abhörten. Ich packte meine Mutter am Hals. Sie machte sich los und alarmierte die Polizei. Zwei Polizisten lieferten mich in der geschlossenen Psychiatrie der Freiburger Universitätskliniken ab. Ich war 28 Jahre alt und schrieb an einer Doktorarbeit über den Schriftsteller Ernst Jünger.

In der Psychiatrie pumpten sie mich sieben Wochen lang mit Haldol und anderen starken antipsychotisch wirkenden Mitteln voll – ein weiteres Trauma. Ich kotzte, schlief drei Tage, entwickelte einen »Robotergang«, Apathie und Fresssucht. Und ich rauchte achtzig Zigaretten am Tag. Nikotin mildert die Nebenwirkungen der Medikamente. Die Ärzte nahmen mich nicht ernst. Erst durch die Rechnung der Klinik erfuhr ich, woran ich litt: paranoide Schizophrenie.

Einer von hundert Menschen erkrankt im Laufe des Lebens daran. Es ist eine meist genetisch bedingte Krankheit: Der Neurotransmitter Dopamin überflutet gewisse Hirnareale, was Wahnvorstellungen und Halluzinationen hervorruft, andere Areale bleiben unterversorgt, was antriebslos und depressiv macht.

Nach der Psychiatrie nahm ich weiter Medikamente, aber ganz los wurde ich die Schizophrenie nicht. Zum Beispiel bezog ich die Aufschrift »Halt’s Maul« auf dem T-Shirt eines Passanten auf mich. In einem anderen Fall gab mir meine Mutter zwei Tüten mit, um sie bei jemandem abzuliefern. Das machte mich wütend, weil ich bei einem Angriff auf der Straße keine Hand frei haben würde. Mir war klar: Mächtige Feinde wie Angela Merkel und Wolfgang Schäuble verfolgten mich, da ich ihre EU-Sparpolitik in mehreren Internetbeiträgen scharf kritisiert hatte. Dabei las kaum jemand meinen Blog.

Die Krankheit verschlimmerte sich im Jahr 2011. Ich glaubte, es gebe ein System von Psychiatern, die direkt in mein Gehirn schauen konnten. Ich flog nach San Francisco, reiste zum Mental Research Institute in Palo Alto, um Zugang zum – wie ich es nannte – »Kybernetischen Weltsystem« und dessen Chefpsychiater zu bekommen. Das klappte nicht, ich

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