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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2019
Ach, Europa
Vielfältig, widersprüchlich, wunderbar – die EU vor der Wahl
Der Inhalt:

Wenn Erwachsene weghören

von Ulrike Scheffer vom 10.05.2019
Sexueller Kindesmissbrauch ist weiter verbreitet als gedacht. Über den Bericht, der dies aufdeckt, wird kaum berichtet

Bettina Schweikhard ist Ende vierzig und hat zwei Kinder. Sie hat studiert und führt mit ihrem Mann eine Firma. »Alles ist gut«, sagt sie selbst. Auch ihre ersten Kindheitserinnerungen sind glücklich. Doch dann trat der Stiefvater in ihr Leben. Und alles änderte sich. Deshalb hat sich Bettina Schweikhard, die in Wirklichkeit anders heißt, an die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs gewandt. Denn obwohl sie heute im Leben gut zurechtkommt, ist da immer dieser dunkle Schatten: »Im Inneren sieht es bei mir leider nicht immer so toll aus«, heißt es in ihrem Bericht, den die Kommission anonymisiert veröffentlicht hat.

Seit 2016 haben sich knapp 1700 Betroffene bei der Kommission gemeldet. Rund 300 schrieben ihre Erlebnisse auf, 857 erzählten ihre Geschichte bei einer persönlichen Anhörung. Die Betroffenen-Berichte und die Auswertung machen das Ausmaß und die gravierenden Folgen sexuellen Missbrauchs auf bedrückende Weise deutlich. Dennoch war die Resonanz auf die Zwischenbilanz vor mehr als einem Monat verhalten. Nur wenige Berichte, keine Empörung, kein Aufschrei. Matthias Katsch, Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch und seit Kurzem Mitglied der Kommission, erklärt diese Tatsache so: Die öffentliche Aufmerksamkeit beim Thema Kindesmissbrauch ist immer dann besonders groß, wenn drastische Fälle bekannt werden, etwa der massenhafte Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde. Auch der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche stand und steht – völlig zu Recht – im öffentlichen Fokus. »Es fehlt aber ein Bewusstsein für die Dimension des sexuellen Missbrauchs von Kindern«, urteilt Katsch.

Die Zwischenbilanz der Aufarbeitungskommission benennt diese Dimension: »Auch gegenwärtig müssen wir davon ausgehen, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder von sexueller Gewalt betroffen sein können.« Ein erschreckender Befund. Katsch spricht von einer Epidemie des Missbrauchs, vom Ausmaß her vergleichbar mit einer Volkskrankheit wie Diabetes: »Wir haben hier ein gesamtgesellschaftliches Problem.« Der Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, mahnte erst kürzlich eine Enttabuisierung des Themas an. Denn zu oft wird noch immer über Missbrauch geschwiegen, finden Opfer kein Gehör, werden Täter sogar gedeckt.

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