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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2019
Ach, Europa
Vielfältig, widersprüchlich, wunderbar – die EU vor der Wahl
Der Inhalt:

Buch des Monats: Glaube als Chance

von Norbert Copray vom 10.05.2019
Auch für Atheisten eine lohnende Hypothese: Was, wenn es Gott gäbe?

Tomáš Halík
Theater für Engel
Das Leben als religiöses Experiment. Herder. 240 Seiten. 22 €

In Ostdeutschland glauben 36 Prozent der Menschen an Engel, aber nur 26 Prozent an Gott. Sind Engel nicht göttlichen Ursprungs? 62 Prozent der Befragten in Ostdeutschland glauben an Wunder, sogar 67 Prozent in Westdeutschland. Haben Wunder nichts mit dem Göttlichen zu tun? Jedenfalls gibt der am 27.4.2019 im Spiegel erschienene Report Rätsel auf mitsamt der Schlussfolgerung: »Zum real existierenden Christentum in Deutschland gehört es, dass die Grenzen zwischen Glaube und Unglaube verschwimmen.«

Dazu hat Tomáš Halík ein Angebot an alle, das man nicht ablehnen kann. Der tschechische Soziologieprofessor, Religionsphilosoph, habilitierte Theologe und römisch-katholische Priester, der im Untergrund Theologie studierte und hinter dem Eisernen Vorhang geweiht wurde, greift ein Gedankenexperiment auf, das in der Philosophie als berühmte »Pascal’ sche Wette« Eingang fand. Blaise Pascal (1623-1662) argumentierte, es sei stets eine bessere Hypothese, an Gott zu glauben, weil der Erwartungswert des Gewinns, der durch Glauben an einen Gott erreicht werden könne, stets größer sei als der Erwartungswert im Fall des Unglaubens. Aufgegriffen hat sie zuletzt Joseph Ratzinger, der 2005 »unseren ungläubigen Freunden« vorschlug: »Auch derjenige, dem es nicht gelingt, den Weg der Annahme Gottes zu finden, sollte dennoch versuchen, so zu leben und sein Leben so auszurichten, als ob es Gott gäbe. So wird niemand in seiner Freiheit beschränkt, doch alle Dinge erhalten eine Stütze und einen Maßstab, derer sie so dringend bedürfen.« Dabei ist es nicht so eindeutig, wer glaubt und wer nicht glaubt, denn in beidem ist jeweils das Gegenteil wohlweislich enthalten.

Halíks Buch ist eine kritische theologische Meditation dazu, liest sich relativ leicht bei starkem Inhalt und überrascht mit seinen Tiefenbohrungen. Und »ist nicht auch für einen Gläubigen der Glaube eine Hypothese, die er dann fortwährend mit seinem Leben bewähren muss, die jedoch den Zweifeln und kritischen Fragen ausgesetzt bleibt«? Also: »das Leben als religiöses Experiment«. »Gott wohnt in der Möglichkeit«. An der Schwelle von Nichtglaube und Glaube wartet der »Möglichkeitsraum«. Wer den Salto in diesen Raum wagt, verwandelt sein ganzes Leben in ein religiöses Experiment. Es verheißt einen s

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