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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2018
Kennen wir uns?
Jesus, Marx und die Krise des Kapitalismus. Ein Streitgespräch
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Bei glühender Hitze bin ich gelaufen«

von Toni Keppeler vom 11.05.2018
Ernesto Vanzetti, 35, demonstriert in Nicaragua für Demokratie

Ich war in den letzten Tagen bei vielen Demonstrationen, bei friedlichen und auch bei weniger friedlichen. Da geht es nicht nur um die Rentenreform und darum, dass man künftig mehr in die Sozialversicherung zahlen und weniger Rente bekommen soll. Das war nur der letzte Auslöser für die Proteste. Außerdem hat Präsident Ortega die Reform längst zurückgenommen. Es geht um Demokratie, um Menschenrechte. Es geht um unser Land!

Erst wollte ich den protestierenden Studenten nur Wasser vorbeibringen. Wir haben gerade die heißeste Jahreszeit in Managua, kurz vor dem Beginn der Regenzeit. Da kann es schnell einmal vierzig Grad im Schatten haben. Und außerdem ist es schwül. Ich war selbst einmal Student, so lange ist das noch nicht her. Ich dachte, ich muss ihnen Wasser bringen, wenn sie da den ganzen Tag in der prallen Sonne stehen. Zusammen mit meiner Frau wollte ich zur Technischen Universität, aber wir kamen gar nicht durch. Da standen vielleicht fünfzig Polizisten mit Gewehren und haben uns aufgehalten. Sie sagten, wenn uns unser Leben lieb sei, sollten wir abhauen. Da war für mich klar: Ich muss zu diesen Demonstrationen.

Eigentlich bin ich kein Typ für so etwas, von Politik habe ich mich immer ferngehalten. Zuletzt war ich mit 15 Jahren bei einer Kundgebung, weil mich meine Mutter dazu gezwungen hat. Das war an einem 19. Juli, dem Jahrestag der sandinistischen Revolution. Wir mussten hin. Meine Eltern haben sich bei der Guerilla kennengelernt, Daniel Ortega war einmal ihr Held. Was sie wohl heute über ihn sagen würden, wenn sie noch lebten?

Die ersten Tage der aktuellen Proteste waren chaotisch. Da gab es viele kleine Demonstrationen an vielen verschiedenen Orten, in Managua, aber auch in den Provinzstädten. Die Polizei war völlig überfordert. Wenn sie hier eine Demonstration auseinandergeprügelt hatte, gab es schon wieder drei an anderen Orten. Die meisten Läden blieben geschlossen. Auch ich habe den kleinen Salon für Maniküre und Pediküre, den ich mit meiner Frau betreibe, nicht aufgemacht und unseren drei Angestellten freigegeben. Allein aus Sicherheitsgründen.

Am dritten Tag der Unruhen habe ich gesehen, wie nachts Supermärkte geplündert wurden. Aber das waren nicht die Studenten, wie die Regierung behauptet hat, das waren Leute aus den Armenvierteln, die das Chaos ausgenutzt haben. Die Polizei stand daneben und hat nichts getan. Die Einzi

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