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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2018
Kennen wir uns?
Jesus, Marx und die Krise des Kapitalismus. Ein Streitgespräch
Der Inhalt:

Zum Guten erziehen?

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 11.05.2018
Menschen handeln häufig irrational. Deshalb gibt es Tricks und Modelle, um sie zu richtigen Entscheidungen zu bewegen. Doch wer entscheidet, was richtig ist? Fragen an den Soziologen Ulrich Bröckling

Publik-Forum: Herr Bröckling, wir wissen: Sport treiben ist wichtig, Gemüse ist gesünder als Fastfood, zu viel Autoabgase verpesten die Luft. Trotzdem tun wir oft nicht das, von dem wir wissen, dass es richtig wäre. Warum?

Ulrich Bröckling: Wenn wir uns irrational verhalten, sind das keine zufälligen, individuellen Macken – dahinter steckt häufig System. Es gibt wiederkehrende Muster, nach denen wir irrational handeln. Zum Beispiel bewerten wir das, was wir haben und kennen, meist höher als Veränderungen – auch wenn das nicht unbedingt das Vernünftigste ist. Verhaltensökonomen wissen, dass Trägheit und Bequemlichkeit genauso eine Rolle spielen wie eine gewisse Veränderungsresistenz. Wenn man aktiv werden muss, um diese oder jene Entscheidung zu treffen, ist das eine Hürde. Nehmen Sie den Organspendeausweis: In Deutschland muss man aktiv erklären, dass man gewillt ist, seine Organe zu spenden. In Österreich ist das Gegenteil der Fall, es wird vorausgesetzt, dass jeder, der nicht widerspricht, einer Organentnahme zustimmt. Die Konsequenz ist, dass die Zahl der Organspender in Österreich sehr viel höher ist als in Deutschland.

Vielleicht wäre auch der Fleischkonsum geringer, wenn es einen Veggie-Day gäbe. Doch dieser Vorschlag der Grünen hat landauf, landab für Empörung gesorgt ...

Bröckling: Wir leben in einer Gesellschaft, die stark auf individuelle Freiheit ausgerichtet ist und in der alles, was nach Bevormundung aussieht, als problematisch gilt. Dabei wird das eigene Verhalten immer gelenkt – im Supermarkt liegen die Produkte ja auch nicht wahllos in den Regalen, sondern sind so sortiert, dass sie uns zum Kaufen der teureren Waren animieren. Man spricht von Nudging, wenn Politik, Wirtschaft und Marketing versuchen, die Entscheidungen von Menschen durch eine Art sanftes Anstupsen zu beeinflussen. Wir sollen dazu gebracht werden, Entscheidungen zu treffen, die angeblich für uns das Beste sind – eben weil wir uns von alleine oft nicht rational verhalten. Das Nudging zielt nicht darauf ab, Menschen selbst zu verändern oder ihre Gewissheiten, sondern ihr Entscheidungsverhalten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Bröckling: Stellen Sie sich eine Schulkantine vor: Schüler greifen meist zu dem Produkt, das am nächst

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