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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2016
Schwierige Schüler
Ausrasten, stören, treten: Ein Fall für die Sonderschule? Eine Lehrerin sagt Nein
Der Inhalt:

Flauschig und verstörend

von Andrea Teupke vom 13.05.2016
Krieg und Schrecken auf Seide und Leinen: Tanja Boukals politische Kunst

Wie zeigt man den Schrecken und die Brutalität einer Grenzschutzanlage? Die österreichische Textilkünstlerin Tanja Boukal setzt für die Darstellung harter Wirklichkeit auf trügerisch weiche Materialien. Wie große Fahnen hängen im Augsburger Kunstverein Stoffbahnen aus flauschigem Frottee. Sie wurden nach Fotovorlagen gewebt und zeigen den Stacheldraht, mit dem Europa afrikanische Flüchtlinge an der Einreise hindert.

Monatelang hat Tanja Boukal in Melilla recherchiert, der spanischen Enklave in Marokko. Sie hat mit Menschen auf beiden Seiten des Zaunes gesprochen, Workshops für Flüchtlinge angeboten und ihre Begegnungen in Fotos dokumentiert. Diese Bilder hat sie später in Textilarbeiten umgesetzt, in Leinen gewebt oder mit Seide gestickt. Boukal ist gelernte Kunststickerin, und die Zeit und Sorgfalt, die sie für die Ausführung verwendet, ist für sie auch ein Ausdruck von Wertschätzung.

Wenn Motive vom schnelllebigen Medium Foto in traditionelle Handarbeit überführt werden, entsteht dabei eine ganz eigene Spannung, die den subversiven Reiz dieser Arbeiten ausmacht. Pressebilder von Flüchtlingen in Booten auf dem Mittelmeer, die man tausendmal gesehen hat, werden fremd und neu, sobald sie grob gepixelt als farbiger Wandteppich, diesem Klischee bürgerlicher Gemütlichkeit, erscheinen. »Am seidenen Faden« heißt die entsprechende Serie von Stickbildern, die so gar keine Beschaulichkeit ausstrahlen.

Auch die anderen Exponate der Ausstellung kommen nur auf den ersten Blick harmlos daher: Ein gedeckter Tisch mit vier Stühlen erscheint seltsam vertraut. Kein Wunder, denn für die Installation »Ich weiß nicht, was ihr habt« hat Boukal die meistverkauften Möbel von Ikea arrangiert. Selbst das Geschirr stammt aus dem schwedischen Möbelhaus und dürfte im Esszimmer vieler Familien zu finden sein. Doch die Gravuren der Gläser und Teller zeigen hier Stacheldraht, und die fein gewebten Leinendeckchen tragen Abbildungen von ertrunkenen Flüchtlingskindern, die auf Samos angespült wurden.

»Niemand in dieser Familie würde sagen, er sei nicht über das Schicksal der Menschen bekümmert. Dennoch geht das normale Leben weiter«, schreibt Boukal zu diesem Werk. »Irgendwann wollen wir alle aufhören, uns mit dem Elend zu beschäftigen. Kann man jemandem daraus einen Vorwurf machen?« Sie selbst will dennoch nicht die

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