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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2016
Schwierige Schüler
Ausrasten, stören, treten: Ein Fall für die Sonderschule? Eine Lehrerin sagt Nein
Der Inhalt:

Hamlet studierte in Wittenberg

von Irene Dänzer-Vanotti vom 13.05.2016
Warum Shakespeare kein Katholik gewesen sein kann

Jetzt soll er auch noch katholisch gewesen sein! 400 Jahren nach dem Tod des englischen Genies William Shakespeare hat die Mainzer Anglistin Hildegard Hammerschmidt-Hummel offenbar eine Gewissheit gefunden: Shakespeare habe sich heimlich zum katholischen Glauben bekannt und sei gar nach Rom gepilgert. Unter dem hübschen Pseudonym Shfordus Cestriensis habe er sich in der Nähe des Petersdoms einquartiert und womöglich dem Papst gehuldigt. In London, in der Nähe seines Globe-Theaters, habe Shakespeare ein verwinkeltes Haus gekauft, in dem er Katholiken versteckte.

Zu solchen Spekulationen lädt Shakespeare natürlich ein. Sein Leben liegt gerade so weit im Dunkeln, dass Suchscheinwerfer immer wieder schöne Indizien für neue Thesen finden. Meist wollen die Suchenden Shakespeare in die Nähe ihrer eigenen Glaubens- oder Lebenswelt rücken.

Was die Religion angeht, lebte William Shakespeare schon nach dem großen Umbruch. Bei seiner Geburt 1564 war die anglikanische Kirche bereits eine feste Größe. Mehr als dreißig Jahre zuvor hatte König Heinrich VIII. sie der Macht des Papstes entzogen. Sein Motiv war bekanntlich nicht so lauter wie Luthers Thesenanschlag. Den König trieb weder die Suche nach einem gnädigen Gott noch die Wut auf den Ablasshandel: Er wollte sich ganz einfach scheiden lassen. Nach dieser Trennung von Rom wurden Katholiken im Königreich verfolgt. So verließen ganze Schauspielgruppen das Land und wurden beispielsweise am Hof des katholischen Königs von Polen aufgenommen. Sie haben Shakespeares Stücke in Polen schon früh gespielt und damit eine bis heute lebendige Tradition begründet. Katholisch sind die Stücke aber deshalb nicht.

Sie führen vielmehr den modernen Menschen auf Europas Bühnen ein, den Wägenden, Zaudernden, der in keiner Religion einen festen Urgrund findet. Zum Beispiel Hamlet: »Hamlet versucht alle Möglichkeiten abzuwägen, wie wir das auch tun, in verschiedenen experimentellen Situationen«, beschreibt es der Anglist Roland Weidle von der Universität Bochum. Der Prinz aus Dänemark hat das Fragen und Zweifeln als Student in Wittenberg gelernt – in der Stadt, in der Martin Luther die Reformation einleitete. Hier lässt Shakespeare ihn studieren, bevor die Handlung des Dramas einsetzt. »Wittenberg steht ja nicht nur für Luther, sondern auch für eine skeptische, aufklärerische Haltung, die mit tradiertem Wissen und Weltbild

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