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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2016
Schwierige Schüler
Ausrasten, stören, treten: Ein Fall für die Sonderschule? Eine Lehrerin sagt Nein
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Endlich okay!

»Puh!« Der Postbote stöhnt, als er mir am Gartenzaun den dicken Packen Papier in die Hand drückt: » Is’ allerdings fast wieder nur Werbung. So wie gestern.«

Ich versuche, ihn mit einem Lächeln zu trösten. Klappt aber nicht. Denn er hat recht: Der zentimeterdicke Stapel besteht nur aus bunten Prospekten. Offensichtlich starten gerade jetzt alle Anbieter aus sämtlichen Branchen des Landes ihre Frühjahrsoffensive, um meine hormonellen Frühlingsgefühle geschickt für ihr Unternehmen einzunehmen.

Und so umgarnen sie mich mit vielversprechenden Aussichten auf herrlichen Hochglanzbildern: »Endlich den perfekten Garten!«, »Endlich das Gehalt verdienen, das Sie wert sind!« - »Endlich das Haus Ihrer Sehnsucht kaufen!« - »Endlich Ihre Stärken entfalten!« - »Endlich das Parfüm, das Ihre Persönlichkeit unterstreicht!« Und – mein persönlicher Favorit als Mann – »Endlich eine Bikini-Figur!«

Je länger ich mich durch die Angebote wühle, desto schlechter geht es mir. Komisch.

Müsste ich mich nicht ganz wunderbar fühlen angesichts all dieser pastellfarbenen Möglichkeiten und Lebensträume? Nach einigem Blättern und Nachdenken weiß ich auch, warum: All diese Glücks-Kataloge suggerieren mir ja vor allem eines: Ich bin nicht gut genug. Jedenfalls noch nicht.

Ich bin defizitär. Da fehlt was – was übrigens die Übersetzung von »defizitär« ist. Ja, mir fehlt was zum Glück. So, wie ich bin, bin ich offensichtlich unzureichend.

Der Soziologe Gerhard Schulze hat schon vor zehn Jahren eine interessante Verheißung gemacht: Das beginnende 21. Jahrhundert wird sich dadurch auszeichnen, dass nur noch das als wertvoll gilt, was ständig gesteigert wird. Er nannte dieses Phänomen das »Steigerungsspiel«.

Und wenn ich nun die Botschaft meiner täglichen Werbe-Invasion zusammenfasse, muss ich feststellen: Seine Prophezeiung hat sich erfüllt. Die Kategorie »Gut« scheint es nicht mehr zu geben, sondern nur noch die Kategorie »Besser«.

Andauernd müssen wir uns fragen, wie wir noch besser, noch fitter, noch schöner, noch reicher, noch begeisterter und noch mehr wir selbst werden können.

Wer heute in seinem Job ein Projekt erfolgreich abschließt, den bedrängt sofort die Frage: »Wie kann das nächste Projekt noch bedeutender werden?«

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