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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2016
Schwierige Schüler
Ausrasten, stören, treten: Ein Fall für die Sonderschule? Eine Lehrerin sagt Nein
Der Inhalt:

Beim Warten wächst die Wut

von Ulrich Wilke vom 13.05.2016
Zwei Jahre nach dem Tod des populären Hugo Chavez leidet Venezuela doppelt: Der Ölpreis ist im Keller, politische Visionen sind Mangelware. Welche Rolle spielen die Kirchen?

Die Leute schenken mir für die Gemeinde sogar Klopapier«, sagt Padre Fernando Gonzales, während er auf der Ausfallstraße im Stau steht. Was früher einmal in der venezolanischen Millionenstadt Maracaibo als kirchenfeindlicher Akt verstanden worden wäre, gilt heute als willkommene Hilfe. Padre Fernando muss mit dem Mindestlohn von 15 000 Bolivar, rund 15 Dollar, auskommen. Familien geht es noch schlechter. Mit sämtlichen Zulagen kommen sie auf einen Betrag von etwa 26 000 Bolivar.

Theoretisch könnte man davon leben – wenn man sich in die langen Schlangen vor den Supermärkten und Apotheken einreiht, in denen staatlich subventionierte Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel verkauft werden. Doch wer nach Stunden die Regale erreicht hat, muss kaufen, was es gerade gibt. Kein Wunder, dass immer die Möglichkeit des Schwarzmarkts mitbedacht wird. Solange man beispielsweise das monatliche Limit an Maismehl für die »Arepa« genannten Fladen nicht überschritten hat, die bei keinem venezolanischen Essen fehlen, nimmt man noch ein Kilo für zwanzig Bolivar mit. Schließlich lässt es sich auf den Straßen von Maracaibo für 900 Bolivar verkaufen. In abgelegenen Dörfern zahlen die Menschen sogar bis zu 2000 Bolivar. Sie haben schlicht keine andere Möglichkeit, als den Zwischenhändlern die überteuerte Ware abzunehmen. Weil man legal nicht überleben kann, ist die Korruption längst systemisch.

Der Staat hat für Lebensmittel, Medikamente und andere Güter des sogenannten ersten Bedarfs einen festen Wechselkurs von einem Dollar zu zehn Bolivar festgesetzt. Für alle anderen Waren gilt seit Mitte Februar ein Umtauschwert von einem US-Dollar zu 200 Bolivar. Doch dieser Wechselkurs auf dem »Parallel-Markt«, wie er in Venezuela genannt wird, ist längst überholt. Seit dem Tod von Hugo Chavez 2013 und dem Verfall des Erdölpreises ist die immer schon hohe Inflationsrate Venezuelas durch die Decke gegangen.

Die Folgen für die Menschen, gerade für die Ärmsten im Land, sind verheerend. Alle Produkte, die importiert werden müssen, sind unerschwinglich teuer. Im Land wird immer weniger hergestellt, weil es sich angesichts der staatlich verordneten Niedrigpreise nicht lohnt. »Milchproduzenten sind gezwungen, den Liter für zwanzig Bolivar anzubieten«, erklärt Padre Fernando. Fehlt ein Ersatzteil für die Abfüllanlage, das im Ausland in Dollar bezahlt werden muss, steht die Produktion vor dem Aus. Die

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