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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2016
Schwierige Schüler
Ausrasten, stören, treten: Ein Fall für die Sonderschule? Eine Lehrerin sagt Nein
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Auf der Liste

von Anna Hellge vom 13.05.2016
In Bangladesch werden junge Aktivisten auf offener Straße von Islamisten ermordet. Um die Wahrheit über einen vergessenen Völkermord zu verbreiten, gefährden sie ihr Leben. Einer von ihnen ist Omi Rahman Pial

Die Wohnung, die Omi Rahman Pial als Versteck dient, liegt in einer kleinen Seitenstraße in Dhakas zentralem Mohakhali-Distrikt. Der Weg dorthin führt über den Hauptverkehrsknotenpunkt. Dreiradtaxis, Fahrradrikschas und klapprige Busse mit abgeblätterter Farbe verstopfen die Straßen und bringen den Verkehr zur Rushhour zum Stillstand. Der Abendruf des Muezzins tönt gegen die lauten Hupen und schrillen Klingeln an.

Hektisch zieht Pial an seiner vierten Zigarette. Er sieht verwahrlost aus. Die Hose löchrig, die Haare stehen in wirren Strähnen vom Kopf ab, ihm fehlt ein Vorderzahn. Die kleine Wohnung im zweiten Stock verlässt er kaum. Omi Rahman Pial ist einer von 84 Bloggern, die von radikalen Islamisten, weil sie angeblich atheistisch seien, auf eine Abschussliste gesetzt wurden. »Eine Farce«, sagt Pial. Viele der Blogger sind gläubige Muslime. Früher gingen sie zum gemeinsamen Freitagsgebet. Seitdem ihre Namen in islamistischen Kreisen kursieren, trauen sie sich nicht mehr aus ihren Wohnungen. Welche Ironie: Aus Angst, als Atheisten hingerichtet zu werden, gehen sie nicht mehr in die Moschee.

Der eigentliche Grund, warum die Islamisten sie bedrohen, ist ein anderer. Pial und seine Mitstreiter sind Teil der 2013 ins Leben gerufenen Shahbag-Bewegung, einer Gruppe liberaler Bangladescher, die im Netz und auf der Straße Gerechtigkeit für die Verbrechen der pakistanischen Armee fordern. Während des Unabhängigkeitskrieges von 1971, in dem aus dem ehemaligen Ostpakistan das jetzige Bangladesch hervorging, wurden zahlreiche Gräueltaten begangen. Bis heute spaltet dieser Krieg die Gesellschaft. Die politischen Lager verlaufen entlang der Trennlinien von damals.

Wer wie Pial eine Aufarbeitung des Krieges fordert, riskiert sein Leben. Alleine 2015 wurden fünf Blogger und Verleger ermordet; in den vergangenen Wochen waren es drei weitere. Die Todeslisten werden systematisch »abgearbeitet«. Für die Morde wird eine radikal-islamistische Gruppierung verantwortlich gemacht. Berichten zufolge haben 28 Blogger das Land bereits verlassen, weitere 40 haben Antrag auf politisches Asyl gestellt. Angst hat sich breitgemacht in den Lagern der Aktivisten.

Die Regierung Bangladeschs setzt seit 2010 Tribunale ein, um die Kriegsgeschehnisse nach knapp vierzig Jahren aufzuarbeiten. Nach fast jedem Urteil treibt es die Menschen auf die Straß

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