Zur mobilen Webseite zurückkehren
Schriftgröße ändern:

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2015
Das Verschwinden der Freiheit
Der Sozialpsychologe Harald Welzer über die Bedrohung durch Google ...
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: Politisch beten

900 Flüchtlinge sind im Meer ertrunken. Unser Autor nimmt seine Wut mit ins Montagsgebet bei den Missionsärztlichen Schwestern

Es ist ein warmer, leuchtender Frühlingsabend, und trotzdem liegt heute Tod über der Landschaft. Den ganzen Tag haben die Nachrichten über das Sterben von über 900 Bootsflüchtlingen berichtet: so viele Frauen, Kinder und Männer, die auf ihrer Hoffnungsreise im Mittelmeer ertranken. In etlichen der afrikanischen und arabischen Länder, aus denen sie aufgebrochen waren, bin ich als Journalist schon gewesen. Was tun an so einem zerrissenen Abend?

Ich gehe ins Abendgebet zu den Missionsärztlichen Schwestern. In meiner Traurigkeit und Wut will ich nicht allein bleiben, will die Klage über die Getöteten zum Ausdruck bringen und mit den Schwestern teilen.

Die Missionsärztlichen Schwestern in Frankfurt wohnen nicht hinter hohen Bäumen und Klostermauern, sondern in ganz normalen Wohnungen in einem Zweifamilienhaus im Hammarskjöldring in der Nordweststadt. Auf dem Foto, das die Frankfurter Kommunität dieses besonderen Frauenordens mit dem Ordenskürzel MMS auf ihrer Webseite zeigt, sehe ich selbstbewusste Frauen zwischen dreißig und fünfzig. Sie tragen keine Ordenstracht. Alle haben Hosen an, berufstätige Frauen in der Großstadt. Einmal im Monat laden sie ein zu einem politischen Abendgebet.

Im hellen, langgestreckten Andachtsraum des Hauses hat Schwester Beate Glania 16 bequeme Stühle in Form eines großen U aufgestellt. Langsam füllt sich der Raum mit ihren Mitschwestern und anderen Besuchern aus Frankfurt, die hier regelmäßig mitbeten oder aus Entsetzen über die aktuellen Ereignisse spontan hierhergekommen sind.

Die Missionsärztlichen Schwestern kommen auch selbst aus der Welt. Beate Glania begleitet als Pastoralpsychologin Studierende