Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2015
Das Verschwinden der Freiheit
Der Sozialpsychologe Harald Welzer über die Bedrohung durch Google ...
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: Politisch beten

von Thomas Seiterich vom 08.05.2015
900 Flüchtlinge sind im Meer ertrunken. Unser Autor nimmt seine Wut mit ins Montagsgebet bei den Missionsärztlichen Schwestern

Es ist ein warmer, leuchtender Frühlingsabend, und trotzdem liegt heute Tod über der Landschaft. Den ganzen Tag haben die Nachrichten über das Sterben von über 900 Bootsflüchtlingen berichtet: so viele Frauen, Kinder und Männer, die auf ihrer Hoffnungsreise im Mittelmeer ertranken. In etlichen der afrikanischen und arabischen Länder, aus denen sie aufgebrochen waren, bin ich als Journalist schon gewesen. Was tun an so einem zerrissenen Abend?

Ich gehe ins Abendgebet zu den Missionsärztlichen Schwestern. In meiner Traurigkeit und Wut will ich nicht allein bleiben, will die Klage über die Getöteten zum Ausdruck bringen und mit den Schwestern teilen.

Die Missionsärztlichen Schwestern in Frankfurt wohnen nicht hinter hohen Bäumen und Klostermauern, sondern in ganz normalen Wohnungen in einem Zweifamilienhaus im Hammarskjöldring in der Nordweststadt. Auf dem Foto, das die Frankfurter Kommunität dieses besonderen Frauenordens mit dem Ordenskürzel MMS auf ihrer Webseite zeigt, sehe ich selbstbewusste Frauen zwischen dreißig und fünfzig. Sie tragen keine Ordenstracht. Alle haben Hosen an, berufstätige Frauen in der Großstadt. Einmal im Monat laden sie ein zu einem politischen Abendgebet.

Im hellen, langgestreckten Andachtsraum des Hauses hat Schwester Beate Glania 16 bequeme Stühle in Form eines großen U aufgestellt. Langsam füllt sich der Raum mit ihren Mitschwestern und anderen Besuchern aus Frankfurt, die hier regelmäßig mitbeten oder aus Entsetzen über die aktuellen Ereignisse spontan hierhergekommen sind.

Die Missionsärztlichen Schwestern kommen auch selbst aus der Welt. Beate Glania begleitet als Pastoralpsychologin Studierende der Frankfurter Jesuitenhochschule, Schwester Susanne Engeländer, die sich mir gegenüber setzt, betreut blinde, mehrfach behinderte Kinder. Und Schwester Theresa Förster, die Seniorin an diesem Abend, bringt ihre Tagesarbeit in der Elisabeth-Ambulanz für Wohnsitzlose, Arme und Flüchtlinge in dieses öffentliche Montagsgebet ein.

Leise Klaviermusik vom Band führt in die Ruhe. Wir haben für alles Zeit. Im Mittelpunkt der gut einstündigen Gebetszeit steht heute die Auferstehungsgeschichte aus dem Markusevangelium. »Wer wird den Stein wegrollen?«, so fragen sich die Frauen, über die das Evangelium berichtet. Jesus von Nazareth, den sie suchen

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen