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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2015
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Der Inhalt:

Ohne jüdische Wurzel stirbt die Kirche

von Hanspeter Heinz vom 08.05.2015
Der evangelische Theologe Notger Slenczka hat provozierende Fragen von großer Reichweite aufgeworfen. Über das Verhältnis der jüdischen Bibel zum Neuen Testament und zum christlichen Selbstverständnis. Eine Antwort

Das Alte Testament ist zwar die reli gionsgeschichtliche Voraussetzung des christlichen Glaubens, sollte aber nicht zur christlichen Bibel gerechnet werden, meint Notger Slenczka. Sind seine Thesen stimmig?

Ist das Alte Testament in der kirchlichen Praxis wirklich ebenbürtig mit dem Neuen Testament?

Es ist eine seit dem 2. Jahrhundert bezeugte Lehre der Kirche, dass das Christentum wie eine Brücke auf zwei Pfeilern ruht, dem Alten und Neuen Testament. Gemeinsam bilden sie die eine Heilige Schrift, das Zeugnis von Gottes Offenbarung, die verbindliche Richtschnur für Leben und Lehre der Kirche. Dagegen führt Notger Slenczka an, im kirchlichen Leben sei es doch »faktisch so, dass wir den Texten des Alten Testaments in unserer Frömmigkeitspraxis einen minderen Rang im Vergleich zu den Texten des Neuen Testaments zuerkennen«. Den von ihm beobachteten Gegensatz zwischen kirchlicher Lehre und kirchlichem Leben kann ich bestätigen. Im Gottesdienst bleiben Christen bei den Lesungen des Alten Testaments gewöhnlich sitzen und stehen auf beim Evangelium. Die Leseordnung spiegelt dasselbe Gefälle, wenn sie die Texte des Alten Testaments jeweils nur als Verheißung, die des Neuen hingegen als Erfüllung positioniert.

Ist das Alte Testament für Zeitgenossen besonders anstößig?

Slenczka bemerkt zu Recht, dass heutige Menschen mit vielen Texten des Alten Testaments »fremdeln«. Sie können mit ihnen nichts anfangen für ihr Leben. Als Beispiel nennt er die Gewalttexte. Die Bibel ist jedoch in einem Zeitraum von 1500 Jahren entstanden. Einige Texte stammen aus der frühen Zeit der Stammesgesellschaft. Fortgeschrieben wurden sie später in einer Humanisierung der Ethik durch die Propheten (»Schwerter zu Pflugscharen« aus Jesaja 2, 4 war das Motto der Friedensbewegung in den 1980er-Jahren). Selbst die berüchtigten Fluchpsalmen überlassen stets Gott die Erfüllung des Schreis nach Gerechtigkeit und Vergeltung; sie verzichten bewusst auf menschliche Rache und Gewalt. Sind die Höllendrohungen Jesu etwa weniger grausam? Befremden lösen auch die vielen Gesetzestexte im Alten Testament aus. Aber auch die Kirche braucht Regeln und Gesetze, um die Weisungen des Neuen Testaments in den vielfältigen Alltag zu übersetzen. Mit der Bergpredig

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