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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2013
Die Suchbürger
Evangelischer Kirchentag: Offen, freundlich, unentschieden
Der Inhalt:

Zwischen Vesper, Revueund Techno

von Peter Otten vom 17.05.2013
Die evangelische Kirche will die Qualität ihrer Gottesdienste verbessern. Der Kirchentag zeigt eine Vielfalt von Modellen

Die Zuhälter und ihre Mädchen grölen nur einmal kurz vom Balkon ihres Stundenhotels herunter, Bierdosen und Zigaretten in der Hand. Doch dann halten sie sich zurück und schauen nur hin und wieder auf diese vielen, merkwürdigen Menschen, die mitten auf der Reeperbahn einen Gottesdienst feiern: Kiezbummler neben Pfadfindern in ihrer Kluft; tätowierte Muskelmänner neben Jugendlichen, die sich blaue Kirchentagsschals um die Stirn und an die Rucksäcke gebunden haben; und hinter dem Altar leuchtet eine Casino-Werbung.

»Ich bin aus Neugier hierher nach St. Pauli gekommen«, sagt Christian, Ende zwanzig, aus der Nähe von Karlsruhe. Nicht nur ihn reizt offensichtlich die Irritation, die der Eröffnungsgottesdienst auf der Reeperbahn auslöst: mit seiner Inszenierung des Kontrastes zwischen Profanem und Heiligem.

Auszeit, Ruhepol, Ort der Verkündigung, Hören von »Gottes Wort« – dies und noch viel mehr bedeutet Gottesdienst für die Menschen, die zum Kirchentag gekommen sind, auch um dort selbst Gottesdienste mitzufeiern. »Für mich ist der Gottesdienst ein Ort, wo Menschen so vor Gott zusammenkommen, wie sie sind«, sagt Christian. Vielleicht ist der Schaubudenplatz an diesem Tag wirklich der geeignete Gottesdienstort, um dies augenfällig zu machen. Es sei jedenfalls gut, dass sie da seien, die Christen, wird Corny Littmann, Ex-Präsident des Fußballclubs St. Pauli, später sagen. Vor wenigen Jahren sei ein Gottesdienst an dieser Stelle noch nicht denkbar gewesen, erklärt er, aber beide hätten sich verändert, die Kirche und das Viertel.

Die Fülle an Gottesdiensten und unterschiedlichen liturgischen Formen ist in Hamburg enorm. Es gibt den eher strengen Gottesdienst nach einer Liturgie aus dem 18. Jahrhundert (sehr evangelisch!) genauso wie eher von der katholischen Tradition geprägte Tagzeitengebete wie Vesper oder Sext. Es gibt den Techno-Gottesdienst mit Original-Türsteher in einem Club auf der Großen Freiheit (sehr laut und sehr jung!); es gibt einen Rockgottesdienst und sogar sehr anrührende Gottesdienste im Kino. Und alle finden ihr Publikum, nicht selten sind die Gottesdienste überfüllt. Erstmals ist ein »Zentrum Gottesdienst« eingerichtet worden; ein bisschen ab vom Schuss, aber an allen Tagen extrem gut besucht. Dort sind nicht nur verschiedenste Gottesdienste zu erleben, ebenso zentral ist der Austausch über deren

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