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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2013
Die Suchbürger
Evangelischer Kirchentag: Offen, freundlich, unentschieden
Der Inhalt:

Verlieren wir unser Ich?

von Tilman Vogt vom 17.05.2013
Warum unsere Seele in der Überfülle an Möglichkeiten zu versinken droht und wie das Internet diesen Trend noch verstärkt. Fragen an den Psychotherapeuten Till Bastian

Herr Bastian, in Ihrem neuen Buch warnen Sie davor, dass wir Gefahr laufen, unser Ich zu verlieren. Was meinen Sie damit?

Till Bastian: Das »Ich«, das sind die inneren Strukturen, mit denen wir die Realität bewältigen. Dieses Ich entsteht gegen Widerstände, im Konflikt mit der äußeren Welt. Doch heute scheint alles gestattet, anything goes. Man muss sich mit Fragen äußerer Normen und Begrenzungen nicht mehr auseinandersetzen und eifert nur noch einem Lebensstil nach, den andere vorleben. Schließlich bleibt man erschöpft auf der Strecke.

Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Bastian: Nehmen Sie die Sexualmoral des 19. Jahrhunderts, deren Erforschung am Anfang der wissenschaftlichen Psychologie stand. Diese Norm war sehr einengend, besonders für Frauen, aber man musste sich an ihr abarbeiten. Das hat Fähigkeiten den Weg geebnet, die für die Bewältigung des Lebens oft sinnvoll waren, wenn manche Menschen daran natürlich auch erkrankten. Heute, wo schon Zehnjährige mit ihrem Handy auf dem Schulhof alle möglichen pornografischen Bilder austauschen können, sind solche inneren Strukturen nicht mehr gefragt. Zwar scheint in der Sexualität alles erlaubt, aber gleichzeitig gibt es Statistiken, die nachweisen, dass die aktive, die lustvoll gelebte Sexualität abnimmt.

Soll die alte restriktive Moral denn wieder aufgerichtet werden?

Bastian: Das nicht, aber wir müssen die ständige Überstimulierung in Ton und Bild zurückdrängen. Unentwegt müssen Sie kommunizieren, ob Sie wollen oder nicht, überall werden Sie zwangsbeschallt. Mir geht es darum, wieder die Konzentration auf eine eigene Identität, auf eine eigene Geschichte zu schärfen.

Dem steht entgegen, dass wir heute unter der Herrschaft neuer, noch tiefer gehender Zwänge stehen, wie Sie schreiben. Unser Charakter sei außengeleitet.

Bastian: Die inneren Strukturen, das starke Ich, wirkt ja auch als Schutz gegen Druck von außen. Heute, wo das Ich verloren geht, orientieren wir uns bereitwilliger an äußerlichen Erfordernissen. Man muss natürlich mithalten im Erwerbsleben und eine Fülle von Leistungen erbringen, um im Mainstream nicht unterzugehen. Ein Symptom und ein Grund dessen sind die modernen Kommunikationstechnolo

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