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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2013
Die Suchbürger
Evangelischer Kirchentag: Offen, freundlich, unentschieden
Der Inhalt:

Die große Scheu vor allzu brisanten Fragen

von Bettina Röder vom 17.05.2013
Politische Themen auf dem Kirchentag waren gefragt. Doch die wirkliche Auseinandersetzung damit fehlte

Sie sitzen in der Sonne auf dem alten Pflaster, auf ihren Taschen, auf Zeitungen oder eben nur auf dem Stein. Mehr Komfort brauchen sie nicht, um das zu verfolgen, was auf dem altehrwürdigen Rathausplatz der Hansestadt Hamburg gerade passiert. Vorn ist eine Tribüne aufgebaut, eine große Leinwand, auf der die Akteure gut zu sehen sind. »Soviel du brauchst.« Die blaue Fahne über dem Portal des prächtigen Renaissance-Gebäudes weht im Mai-Wind. Susanne Wiest, die 45-jährige Greifswalderin, steht am Mikrofon. Ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert sie auf der Veranstaltung mitten in der Stadt, bei der es um Armut und Reichtum, Politik und Utopie geht.

Susanne Wiest ist Piratin. Über eine Partei wollte sie ihr Anliegen in den Bundestag bringen, damit war sie aber nur bei dieser Partei willkommen, sagt die Frau mit den rotbraunen Locken. 2009 waren ihrer Online-Petition an den Bundestag 52 973 Menschen gefolgt, so viele, dass sie den Server lahmlegten. Das Einstehen für ein bedingungslose Grundeinkommen und dafür, dass alle Menschen genug zum Leben haben, hat für sie etwas mit der in der Bergpredigt geforderten Nächstenliebe zu tun. »Ich wundere mich, dass die Kirche da nicht radikaler ist«, ruft sie unter dem Beifall der Besucher. Auch Andreas Tietze, Präses der Landessynode Kiel, fordert mehr kirchliches Engagement zur wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Doch gutes Leben, sagt er, sei eben auch viel mehr als das Materielle. Dann spricht der Psychotherapeut und Entertainer Bernd Hock das Gebet.

Er ist behindert, hat stark verkürzte Arme. Die hat er zum Segen erhoben, viele Menschen sind aufgestanden, stehen andächtig auf dem Marktplatz. »Vollkommenheit vor Gott lässt sich nicht an den zehn Fingern abzählen«, erklärt Bernd Hock, der selbst nur drei kleine Finger an jeder Hand hat. Auch der 26-jährige Johannes Tietze steht auf dem Rathausplatz. »Nein«, sagt der 26-jährige Ingenieur, »ich war noch nie beim Kirchentag, werde aber vor allem politische Veranstaltungen besuchen.« Er sei gespannt, was er »selbst beitragen« kann. Das Politische und Spirituelle will er aber nicht trennen. Beides ist ihm gleich wichtig.

»Sind wir noch brauchbar?« Diese Frage hatte Dietrich Bonhoeffer einst gestellt. Auch auf den vielen politischen Veranstaltungen in Hamburg wurde deutlich, dass sie immer mehr Menschen umtreibt, angesichts einer Gesellschaft, die Menschen als unbrauchbar a

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