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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2013
Die Suchbürger
Evangelischer Kirchentag: Offen, freundlich, unentschieden
Der Inhalt:

Das Mantra und der Globus im Schrank

von Eva-Maria Lerch vom 17.05.2013
»Soviel du brauchst«: Ein Motto stellt hunderttausend Christen vor die Frage nach ihrem Lebensstil

Zuerst klingt das Motto sperrig. Ein halber Satz, drei aus der Bibel gerissene Worte: »Soviel du brauchst«. Dann verbreitet es sich in Hamburg, weht auf Fahnen, prangt auf Bannern, legt sich auf blauen Schals um die Hälse der Kirchentagsbesucher. Und beginnt zu wirken. Wie ein Mantra durchdringt das Motto diesen Kirchentag. Wie eine leise, ständige Frage: Was brauchst du? Was fehlt dir? Wo verbrauchst du mehr, als du wirklich brauchst? Was macht dich satt?

In Kirchen und Messehallen, auf Papphockern und Parkbänken wird das Motto als Anfrage an den eigenen Lebensstil verstanden. Der krasse Widerspruch zwischen dem Leben in der Überflussgesellschaft und der Sehnsucht nach einer gerechten Welt scheint die Christen hier spürbar zu beschäftigen.

Eine erste Antwort suchen viele Teilnehmer bei Werner Tiki Küstenmacher. Der Theologe und Autor hat sich mit dem Programm Simplify your life einen Namen gemacht. Er spricht über die psychischen Folgen unseres Überflusses. »Jeder Deutsche besitzt im Durchschnitt 10 000 Gegenstände«, sagt Küstenmacher: »In den letzten beiden Generationen hat sich unser Besitz an Sachen verzehnfacht.« Der Schnickschnack verstellt Häuser, Schränke, Schubladen, Lebensräume und beschwert auch die Seelen.

Küstenmacher gibt Tipps, wie die Leute aufräumen und wegschmeißen können. Er versteht das als Seelsorge: »Menschen, die sich von überflüssigen Sachen gelöst haben, fühlen sich befreit«, sagt er. »Es geht ihnen besser.« Und er deutet auch die politische Dimension des Überflusses an: »Wenn Sie in Ihren Kleiderschrank schauen, blickt Ihnen der ganze Globus entgegen.« Hosen und T-Shirts aus China und Bangladesch zum Beispiel, zusammengenäht von Arbeitern, die von ihrem Lohn kaum leben können. Vielleicht auch von den Näherinnen, die vor Kurzem unter den Trümmern einer maroden Fabrik in Dhaka begraben wurden. Die politischen Ursachen werden bei Küstenmacher nicht diskutiert. Und dennoch wird gerade hier der ganze Wahnsinn deutlich: Die globalisierte Wirtschaft zerstört nicht nur das Leben von Menschen in den armen Ländern. Sie belastet sogar die Reichen, die davon profitieren.

Weniger wäre mehr. Reduktion als Weg der Heilung. Diese Richtung suchen Christen auch spirituell. Religiöse Formen, die bewusst auf Konsum- und Reizüberflutung verzichten, haben Hochkonjunktur, auch auf dem Kirchentag. So liegt d

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