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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2018
Ganz allein
Wie Einsamkeit Mensch und Gesellschaft krank macht – und wie man sie heilen kann
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Liebe Leserin, lieber Leser,

vom 27.04.2018

ich habe Sie/Dich in dieser Kolumne noch nie persönlich angesprochen. Denn es gibt da ein Problem: Ich müsste Sie/Euch erst einmal in zwei Gruppen aufteilen. Manche von Ihnen/Euch kenne ich persönlich. Das wäre die Du-Gruppe. Die meisten kenne ich nicht und würde sie daher in einer Sie-Gruppe zusammenpferchen. Aber halt! Vielleicht sind welche unter Ihnen, die mir sogleich sympathisch wären, die vielleicht so alt sind wie ich oder die durch winzige Gesten oder eine entsprechende Brille oder einen Schriftzug auf dem Jutebeutel signalisieren, dass wir wichtige Bezüge unserer Biografien teilen. Solche Leute duze ich recht schnell.

Mit dem hölzernen Sie dagegen werde ich immer weniger warm, je älter ich werde. Früher war die Sache klar. Als Jugendliche und Jungerwachsene fand ich es normal, dass die meisten Menschen (viel) älter waren als ich. Und fürchterlich anders waren (graue Haare, falscher Musikgeschmack). Völlig in Ordnung, dass es da ein Abgrenzungswörtchen gab. Lehrer duzen? Eine absurde Anekdote aus den 1970er-Jahren. Aber dann fing es schon an mit dem Krampf. »Anne, könnten Sie bitte den Kasten auf Seite 76 vorlesen?« Oberstufenschüler siezte man natürlich. Aber auch nur so halb, denn ein gewisser Unterschied musste gewahrt bleiben. Mit Vornamen siezen, das ist nur eine der merkwürdigen Blüten, die das deutsche doppelte Anredepronomen mit sich bringt. Unvergessen Joschka Fischers Ausspruch: »Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!« Oder mein Sohn, als er mit dreieinhalb die Nachbarin fragte: »Frau Müller, hast Du auch eine Garage?«

Unglaublich, wie viel Lebenszeit die Frage »Sage ich jetzt Du oder Sie«? verschlingt. Der einen oder anderen freien Journalistin ist ein schöner Auftrag entgangen, weil ich als Redakteurin vergessen hatte, ob ich sie duze oder sieze. Und gerade keine Lust hatte, mich gestelzt zu winden. »Wir dachten, ein Text über musizierende Roboter könnte eine feine Idee sein – gerne würden wir einen Auftrag erteilen …« Was, wenn die Reporterin anrufen würde? Bei uns in der Redaktion duzen sich alle. Ich finde das gut.

Menschen jenseits der fünfzig, denen ich das erzähle, halten es für neumodischen amerikanischen Quatsch. »Es gibt nun mal Unterschiede …« Stimmt. Aber die Unterschiede gibt es ja trotzdem. Da brauchen Ressortleiterin und Praktikant nur auf ihre Gehaltsabrechnungen schauen. Ein »Du bist entlassen!« klingt nic

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