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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2017
Die zerrissene Gesellschaft
Was tun gegen den Rechtspopulismus?
Der Inhalt:

Sehnsucht nach Sicherheit

von Jochen Metzger vom 28.04.2017
Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann über Fanatismus – und was dagegen hilft

Wer in Mitteleuropa lebt, hat eigentlich gute Gründe, sich sicher zu fühlen: Krieg kennen die meisten von uns nur aus dem Fernsehen, die Mehrheit der Bevölkerung genießt einen nie da gewesenen Wohlstand, die Lebenserwartung lag nie höher – und steigt weiter. Warum also finden radikale Positionen in Politik und Lebensführung immer mehr Zulauf? Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann gibt Antworten.

Publik-Forum: Alle klagen, die Zeiten seien so unsicher. War die reale Bedrohung in vergangenen Jahrzehnten nicht viel größer – Stichwort Kubakrise, Mauerbau, nukleares Wettrüsten?

Ernst-Dieter Lantermann: Während der Kubakrise herrschte in Deutschland tatsächlich die Stimmung: Morgen beginnt der Krieg. Heute haben wir eine andere Situation mit verschiedenen Quellen der Unsicherheit. Zum einen die vielen bedrohlichen Einzelereignisse wie Flüchtlingskrise oder Terroranschläge. Eine andere Quelle ist der gesellschaftliche Zusammenhalt, der für viele Menschen außerordentlich brüchig geworden ist. Dann die Prekarisierung der Lebensverhältnisse, die immer weiter zunimmt. Hinzu kommt der Druck der Individualisierung. Das sind schleichende Prozesse, die Unsicherheit erzeugen. Damit kommt man vergleichsweise schlechter zurecht als mit konkreten Problemen. Das führt zu Gefühlen von Unsicherheit und Ungewissheit.

Wo liegt der Unterschied?

Lantermann: Ungewissheit ist eine Situationsbeschreibung, Unsicherheit bezeichnet ein Gefühl. Und das entsteht, sobald sich ein Mensch von einer ungewissen Situation bedroht fühlt. Viele können mit Ungewissheit ja sehr gut umgehen, manche genießen das sogar. Aber in unseren Untersuchungen haben wir gesehen: Eine Situation, in der zum Beispiel plötzlich das Geld knapp wird, der Arbeitsplatz bedroht ist, die Beziehung wackelt – das ist für viele ein Angriff auf ihr positives Selbstbild, auf ihre Existenz.

Sie haben erforscht, wie Menschen auf Ungewissheit reagieren. Was haben Sie genau gemacht?

Lantermann: Wir haben am Rechner einen Bauernhof simuliert. Dann haben wir Landwirte ins Labor gebeten. Die Aufgabe hieß: Bewirtschaften Sie diesen Hof über simulierte zehn Jahre. Im Folgenden haben wir kritische Situationen geschaffen. Zum Beispiel dass ein Käfer Teile der Ernte vernichtet. Und dann habe

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