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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2017
Die zerrissene Gesellschaft
Was tun gegen den Rechtspopulismus?
Der Inhalt:

Finger in der Wunde

von Thomas Gesterkamp vom 28.04.2017
Sozialexperten und Wohlfahrtsverbände streiten darüber, wie dramatisch die Armut in Deutschland wirklich ist

Georg Cremer, Ökonom und Generalsekretär der Caritas, hat mit seinem Buch »Armut in Deutschland. Wer ist arm?« eine harte Kontroverse ausgelöst. Obwohl er sich selbst als Anwalt der Armen sieht, kritisiert Cremer die »rituelle Empörung« über die angeblich wachsende Armut in Deutschland. Er beurteilt die offiziellen Zahlen anders: Nach einem steilen Anstieg verharre die Armut seit 2005 auf konstantem Niveau. Da in der Statistik auch Studierende und Auszubildende mitgezählt würden, deren Einkommen nur vorübergehend niedrig sei, würde die wirkliche Zahl der Armen überschätzt. Und das habe Folgen: »Die Superlative der Skandalisierung rütteln nicht auf, sondern stumpfen ab«, meint Cremer. Das schade den wirklich Bedürftigen, »denn gegen den Widerstand des Mittelstandes ist Menschen am Rande der Gesellschaft nicht wirksam zu helfen«.

Cremers Aussagen sind eine Art Kollegenschelte. Sie zielen vor allem auf Ulrich Schneider, den Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Er hat sich in den letzten Jahren als Experte zum Thema profiliert und sitzt wegen seiner »klaren Kante« häufig in Talkshows. Regelmäßig veröffentlicht der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen Armutsbericht, dem durchaus etwas Dramatisierendes anhaftet: Gute Nachrichten werden (trotz positiver Zahlen vom Arbeitsmarkt) kaum präsentiert, die Not steigt und steigt. »Deutschland fällt auseinander«, es »zerlege sich selber«, heißt es auf dem Cover von Schneiders jüngstem Buch »Kein Wohlstand für alle!?«

Der bisweilen holzschnittartige Argumentationsstil des Parität-Geschäftsführers Schneider bietet seinem Caritas-Kollegen Cremer eine leichte Angriffsfläche. Der habilitierte Volkswirt Cremer, übrigens ein Neffe des katholischen Theologen Karl Rahner, hat lange in Asien gelebt und dort Entwicklungsprojekte geleitet. Er prangert den »Niedergangsdiskurs« an und stellt den Begriff der »relativen Armut« infrage: Bedürftigkeit in Düsseldorf sei etwas völlig anderes als in Kalkutta. Cremer kritisiert, dass hierzulande pauschal als arm gelte, wer über weniger als sechzig Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Diese Berechnungsgrundlage liegt den Berichten des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zugrunde.

Kritik daran ärgert wiederum Christoph Butterwegge. Der auf Armutsforschung spezialisierte Politikwissenschaftler, der gerade für di

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