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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2017
Die zerrissene Gesellschaft
Was tun gegen den Rechtspopulismus?
Der Inhalt:

Digitaler Herdentrieb

vom 28.04.2017
Kolumne von Anne Lemhöfer:

Kind, du musst deine eigenen Erfahrungen machen«, lautet der klassische Stoßseufzer aller Eltern. Dann musst du eben frieren in der offenen Jeansjacke Mitte Dezember. Dann musst du eben selbst merken, dass Dornen pieksen. Und dass diese Woche Mallorca für 120 Euro garantiert einen Haken hat. Uns glaubst du es doch sowieso nicht.

Nein, euch glaube ich nicht. Aber meinen Freunden. Und den Freunden meiner Freunde und deren Bekannten, kurz: meiner Internet-Community. Das ist eine dreistellige Anzahl von Menschen (unterteilt in engere, noch engere und engste Kreise), denen ich vertraue. Mehr als mir selbst. Es ist mir peinlich, das zu schreiben. Aber es ist so. Das alles basiert auf dem Besitz eines Smartphones mit Kamerafunktion. Und für alle, denen diese Niederungen der Kommunikation fremd sind, hier eine kleine Erklärung: Ich nutze die sozialen Netzwerke Facebook, Snapchat, WhatsApp viel. Vor allem, um die unglaublich wichtigen Fragen des Alltags zu klären, und gern anhand eines mitgesendeten Fotos. Das funktioniert so. Frage an alle: Soll ich die Schlafzimmerwand taubenblau streichen? Entscheidungshilfe: Ein Foto mit der Kamera des Smartphones machen. In die entsprechende Freundesgruppe hochladen und auf »Senden« klicken. Und jetzt können alle dabei mitreden. Nach vierzig Sekunden ist die erste Antwort da: Stimmt, da habt ihr recht, Türkis ist auch nett! Hatte ich gar nicht auf dem Schirm.

Virtuelle Schwarmintelligenz steuert also mein Leben als Konsumentin. Steht mir ein Pony? Kurz die Haare hochgehalten und beim Friseur in den Spiegel geschaut. Hm. Na ja. Weiß nicht. Aber die anderen wissen es, Gott sei Dank. Mein Selfie in der Freundinnengruppe bei WhatsApp löst eindeutige Reaktionen aus: »Dranlassen« »Bitte niiiicht!« Okay, okay. Puh, das wäre peinlich geworden. Immerhin bewahre ich auch die anderen vor folgenschweren Geschmacksverirrungen. Und ich bin offenbar nicht allein mit meiner Unsicherheit bei den banalsten Dingen des Lebens. Dabei hatte ich früher auch mal selbst ein ganz gutes Gespür für solche Sachen. Oder ich habe einfach einen Menschen aus Fleisch und Blut gefragt. Wirke ich in diesem korallenfarbenen Oberteil zu blass? Die Freundin, die zu Schulzeiten bei unseren gemeinsamen Einkaufsbummeln vor der Umkleidekabine wartete, sagte: »Ach Quatsch«. Sie kannte mich und meine Problemzonen und war gnadenlos ehrlich. Anders als die Verkäuferin, die läch

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