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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2017
Die zerrissene Gesellschaft
Was tun gegen den Rechtspopulismus?
Der Inhalt:

Ich bin anders – du auch

von Birgit Roschy vom 28.04.2017

Kino. Wenn die Knirpse am ersten Schultag aufgeregt in den Klassenraum stolpern, wenn sie angestrengt in ihren Heften malen, ist Thomas Binn mit der Kamera dabei. Und auch dann, wenn die Tränen fließen. In einer Langzeitbeobachtung hat der Filmemacher und Sozialpädagoge den ersten Inklusionsjahrgang einer Grundschule am Niederrhein in den Fokus genommen.

Über wenige Bildungsthemen wird so viel gestritten wie über die »Inklusion«. Inklusion bedeutet, dass Kinder mit einer Behinderung seit 2014 einen Rechtsanspruch darauf haben, an einer allgemeinen Schule unterrichtet zu werden. Kann die Integration in eine »normale« Klasse funktionieren?

Thomas Binn geht dieser Frage mit seiner Kamera nach. Im Zentrum steht die Entwicklung von fünf Jungs, die besondere Unterstützung benötigen. Theoretisch müssten sie stundenweise von Sonderpädagogen betreut werden. Praktisch kommt diese Stundenzahl kaum zustande. Auf Klassenkonferenzen und in Interviews zeigt der Film, wie Lehrer trickreich und zeitaufwändig mit der Bürokratie taktieren, um die nötigen Helfer zu bekommen. Da gibt es enorm viel Frust und Erschöpfung. Und man bangt mit den Pädagogen um ihre Schutzbefohlenen. Was wird etwa aus Andreas, der wegen ADHS »medikamentös eingestellt« wird? Ärzte raten den Eltern, ihn auf eine Förderschule zu schicken. Tatsächlich wechseln viele Kinder von Regelschulen wieder auf Förderschulen.

Zwischen diese ernüchternden Beobachtungen sind Szenen aus einem Schultheaterstück geschnitten, in dem die Kinder als Tiere mit verschiedenen Eigenschaften auftreten. Idealtypisch wird auf der Bühne solidarisches Verhalten vorgeführt: »Ich bin anders, du auch«, lautet das gesungene Mantra. Der Klassenalltag zeigt dagegen, wie sehr etwa ein Zappelphilipp seinen Mitschüler stört. Leider blickt dieser Dokumentarfilm nicht in andere EU-Staaten, in denen Inklusion funktioniert. Auch die Rolle der Eltern wird weitgehend ausgespart.

Der Film macht deutlich, dass der Erfolg bei der Umsetzung von Inklusion wesentlich vom Engagement der Pädagogen abhängt, die trotz Riesenproblemen mit Herzblut dabei sind. Er wird auf einer bundesweiten Kinotour vorgestellt, bei der neben dem Regisseur auch Vertreter des Verbandes Bildung und Erziehung für Diskussionen zur Verfügung stehen. Infos unter mindjazz-pictur

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