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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2017
Die zerrissene Gesellschaft
Was tun gegen den Rechtspopulismus?
Der Inhalt:

Biete Haarschnitt, suche Mütze

von Rudolf Stumberger vom 28.04.2017
In Tauschringen helfen sich Menschen gegenseitig. Zeit wird gutgeschrieben

Simone Kajda verfügt über ein dickes Konto. Freilich nicht in Euro. 4000 Talente hat sie in ihrem Tauschbüchlein angesammelt. Damit könnte sie jetzt Dienstleistungen oder Dinge erstehen. »Wir tauschen Lebenszeit gegen Lebenszeit«, sagt die gelernte Schneiderin. Sie ist Mitglied des »Talentetauschs«, eines der rund zehn Münchner Tauschringe, die auf gegenseitiger Hilfe beruhen.

Im Nachbarschaftstreff Mosaik in München-Laim treffen sich dessen Mitglieder Simone, Steffen, Bernhard und Peter, die alle nur mit Vornamen genannt werden wollen und sich auch untereinander duzen. »Wichtig ist, dass man sich kennt«, sagt Steffen. Er hat als Computerfachmann gearbeitet und ist Frührentner. Auch er hat eine Menge Talente angesammelt. Damit leistet er sich zum Beispiel einen Haarschnitt bei Charlotte. Oder er bekommt für seine Talente Massagen. Erarbeitet hat sich Steffen seine vielen Talente als Computerfachmann. Und beim Einbau einer gebrauchten Küche. Sechs Stunden hat das neulich gedauert.

Jeden dritten Sonntag treffen sich die rund dreißig Aktiven des Tauschringes zum Frühstück. »Das verbindet uns«, sagt Bernhard. Jeder bringt was mit. Simone Kajda ist die treibende Kraft. Seit einigen Jahren ist sie berufsunfähig. »Ich habe mir gesagt, ich muss mein Leben in die Hand nehmen«, erzählt sie.

Seit gut fünf Jahren gibt es den Talentetausch. Wer Mitglied werden will, muss sechzig Talente einbringen – also drei Stunden Arbeit als freiwillige Leistung im Jahr. Und es gibt einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von fünf Euro, ganz ohne Geld geht es nicht. Das wird zum Beispiel für die halbjährlich erscheinende »Tauschzeitung« ausgegeben. Während beim regelmäßigen Frühstück kurzfristige Tauschaktionen verhandelt werden, findet man in der Tauschzeitung auch länger geltende Angebote und Nachfragen. Da sucht zum Beispiel jemand eine »tatkräftige Hilfe zum Frühjahrsputz« oder sucht »dringendst jemanden zum gemeinsamen Flohmarktsachen-Verkauf (muss den Speicher räumen!)«. Unter »Biete« stehen wiederum Angebote wie »Ich zaubere dir ein warmes leckeres Gericht. Bin sehr vielseitig. Einfach anrufen und nachfragen«. Oder: »Biete mein Auto und mich für Einkaufen und Transport an.«

Mittlerweile hat sich eine regelrechte Tauschringszene entwickelt, in Deutschland sollen es mehr als 300 sein. Die Tauschring-Idee stammt ursprünglich aus Kanada, 1978 entstand sie unter

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