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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2019
Rebellion der Zukunft
Retten uns die Schüler?
Der Inhalt:

Kolumne von Katharina Müller-Güldemeister: Immer mal was Neues

vom 05.04.2019

Ich beneide Menschen, die auch nach mittleren Katastrophen sofort nach vorne schauen können. Bei mir dauert das immer eine Weile, weil ich erst mal eine Mischung aus Wut und Selbstmitleid besiegen muss. Ab und zu springen dabei zwar persönliche Bestleistungen heraus; nach einer vermasselten Abi-Klausur bin ich zum Beispiel durch einen zweieinhalb Kilometer langen See geschwommen. Aber auf so was ist diesmal leider nicht zu hoffen: Ich habe mir beim Snowboardlernen den Ellenbogen gebrochen, wenige Stunden später ist mein Arm rechtwinklig und bis zur Schulter eingegipst.

»Vier Wochen«, sagt der Arzt in der Notaufnahme – eine bittere Prognose für eine Freiberuflerin. Außerdem sind es keine zwei Monate bis zum Radrennen am Gardasee, über das ich eine Reportage schreiben soll. Für die 110 Kilometer und 1400 Höhenmeter habe ich fast täglich auf meinem aufgebockten Rennrad im Zimmer trainiert. Wenn ich das »Tour de France«-Lied von Kraftwerk hörte, sah ich mich schon die Berge hochfliegen, freute mich aufs Wettkampfadrenalin und das Gefühl, mit sehnigen Männerwaden mithalten zu können.

Doch daran, einen Lenker zu greifen, ist jetzt nicht mehr zu denken. Bei jeder falschen Bewegung durchfährt mich Schmerz. Auch sonst läuft es nicht gut. Einhändig schreiben dauert nicht doppelt, sondern viermal so lange, weil ich bei jedem Großbuchstaben überlegen muss, welche der beiden Umschalttasten näher dran ist. Und im Haushalt bin ich völlig unbrauchbar. Nicht mal eine Scheibe Brot kann ich mir abschneiden oder meine Haare zu einem Zopf binden. Glücklicherweise wohne ich in einer WG mit sehr einfühlsamen Menschen, die auch für mich kochen, wenn ich wegen schlechter Laune lieber im Zimmer bleibe.

Nach zwei Tagen habe ich genug von meiner miesen Stimmung. Ich schreibe eine Liste von Dingen, die auch ohne linken Arm gehen: Steuererklärung machen, weit entfernt wohnende Freunde und Verwandte besuchen und Recherchen, bei denen nicht sicher ist, ob eine Geschichte herauskommt. Das alles kann ich jetzt endlich tun, ohne das Gefühl zu haben, eigentlich schreiben zu müssen. Ich bahne an und buche Züge.

Bald entdecke ich weitere Vorteile: Wenn meine Mitbewohner noch schlafen, frühstücke ich notgedrungen Schokolade statt Vollkornbrot, ich probiere mal wieder einen Kurzhaarschnitt aus, außerdem lächeln mich plötzlich viel mehr fremde

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