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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2019
Rebellion der Zukunft
Retten uns die Schüler?
Der Inhalt:

Algerisches Beben

Die Demonstrationen in Algerien sind hierzulande bloß eine Randnotiz. Zu Unrecht! Der Volksaufstand betrifft auch Deutschland und Europa

Ein ganzes Land steht auf: In den Straßen Algeriens demonstrieren seit dem 22. Februar jeden Freitag Zehntausende, Hunderttausende, ja Millionen Menschen gegen die Regierung und die mit ihr verbundene korrupte Herrscherclique. Gewerkschaftler und Studentinnen, Ärzte und Anwälte, Hausfrauen und Lehrer gehen überall auf die Straße. In der Hauptstadt Algier sind Demonstrationen offiziell verboten, doch darüber setzen sie sich hinweg. Eine neue Furchtlosigkeit beflügelt die Menschen. Ihr Ziel ist nicht nur, den altersschwachen 82-jährigen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika loszuwerden – sondern das ganze politische System zu verändern.

Für ein Volk, in dem die Traumata des Bürgerkriegs der 1990er-Jahre noch tief sitzen, ist das eine gewaltige, eine mutige Forderung. Mit Verweis auf das Leid des »schwarzen Jahrzehnts« hatte das autoritäre Regime die Menschen bisher ruhig gehalten. Rund 150 000 Algerier waren im Verlauf des Bürgerkriegs gestorben. Die Warnung der herrschenden Elite, ein versuchter Regimewechsel führe zu dem Chaos und Unfrieden, den Länder wie Syrien oder Ägypten erleben, fruchtete deshalb lange. Diese Zeiten sind nun vorbei.

Die angestaute Wut bricht sich Bahn, ein gesellschaftlich-politisches Erdbeben hat das Land erfasst. Am erstauntesten darüber sind wohl die Algerier selbst. »Das Überraschendste ist, dass nicht nur einzelne Bevölkerungsschichten protestieren, sondern das ganze Land«, erklärt der Politikwissenschaftler Rachid Ouaissa, Leiter des Centrums für Nah- und Mittelost-Studien an der Universität Marburg. »Mit dieser Wucht hat niemand gerechnet. Und auch nicht mit der Friedfertigkeit, die die größtenteils jungen Demonstranten an den Tag legen.« Auf den Plä