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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2018
Krone der Schöpfung?
Es ist Zeit für eine Grüne Reformation
Der Inhalt:

Im Würgegriff der Mächtigen

von Stephan Neumann vom 13.04.2018
Venezuela: Während das Volk hungert, sichern Regierung und Opposition ihre Pfründe. Nur in der Kirche wächst neues Bewusstsein

Es ist heiß. Nicht nur, dass die Mittagssonne an diesem Sonntag vom Himmel brennt. Auch die Flammen des Feuers züngeln an dem großen Topf vor der Kirche empor. Der Qualm beißt in den Augen. Doch Abigail muss die Suppe umrühren. Fünf Hühner mit allerlei Gemüse und Kartoffeln haben die Gemeindemitglieder zusammengetragen. Der hagere dunkelhäutige Mann hütet mit Maria das Feuer und die Suppe, während drinnen in der Kirche Bischof Raúl Biord Castillo die Messe feiert. Hundert Leute sollen anschließend von der »sopa comunitaria«, der Gemeinschafts-Suppe, satt werden.

Die Szene in dem Armenviertel der venezolanischen Küstenstadt Maiquetia erinnert an die Eucharistiefeiern der christlichen Urgemeinden. Tatsächlich lebt die Kirche mit ihren Gemeinschaftsessen und Armenspeisungen, die in vielen Teilen Venezuelas in den letzten beiden Jahren von den Pfarreien ins Leben gerufen wurden, christliche Nächstenliebe und Solidarität.

Dass die Kirche »zum Zentrum der Hilfe geworden ist«, wie Bischof Biord es nennt, hat jedoch einen dramatischen Hintergrund: Der Anteil der Haushalte, die als arm gelten, ist in nur einem Jahr von 82 Prozent auf 87 Prozent 2017 gestiegen. Neun von zehn Venezolanern können ihren täglichen Bedarf an Lebensmitteln nicht bezahlen, sechs von zehn haben innerhalb eines Jahres elf Kilogramm an Gewicht verloren und jeder Dritte isst nur zwei Mahlzeiten oder weniger am Tag. Diese Zahlen haben die Zentrale Universität Venezuela, die Universität Simón Bolivar und die Katholische Universität Andrés Bello Ende Februar veröffentlicht. Sie basieren auf einer Befragung von 6168 Haushalten im ganzen Land.

Präsident Maduro und seine sozialistische Regierung schweigen. Natürlich ist ihnen klar, dass angesichts der galoppierenden Inflation die Situation immer prekärer wird. Zwar wurde Ende Februar der Mindestlohn von 240 000 auf 300 000 Bolivar pro Monat (das entspricht 1,25 Euro) angehoben. Doch das ist nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Der überwiegende Teil der Angestellten bis hin zu Lehrern und Krankenhausärzten erhält mit allen staatlichen Zuschlägen etwa 1,1 Millionen Bolivar. Das reicht wahlweise für vier Kilo Maismehl, aus dem die Arepa, landestypische Maisfladen, gebacken werden, oder – falls verfügbar – für ein Kilo Zucker, ein Kilo Reis oder ein Kilo Fleisch.

Im Armenviertel Zamora zieht eine Mischung aus Qualm, Hühnchenfl

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