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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2018
Krone der Schöpfung?
Es ist Zeit für eine Grüne Reformation
Der Inhalt:

Ich esse, also bin ich

von Josefine Janert vom 13.04.2018
Gegessen wird immer. Doch das Wie und Was der Nahrungsaufnahme wird immer wichtiger: Essen ist ein Ausdrucksmittel geworden. Es zeigt, wer man sein will – und wer nicht

Mein Lebensgefährte backt jetzt Brot. Eine aufwendige Sache. Beim ersten Mal hat er einen Sauerteig angesetzt, eine Grundmasse, die er für jedes neue Brot weiterverarbeitet. Er rührt den Teig an, lässt ihn im Warmen gehen und knetet ihn erneut. Das gebackene Brot muss einen Tag ruhen. Der Anschnitt ist jedes Mal ein Ereignis: Schmeckt es so saftig wie das vorige – oder etwa stark nach Anis wie im Dezember? Wir reden viel übers Brotbacken, auch mit Freunden. Und haben festgestellt: Mit einem eigenen Sauerteig lässt sich ordentlich Eindruck schinden. Natürlich haben wir uns nicht deswegen fürs Brotbacken entschieden, sondern weil uns das herkömmliche Brot aus den Bäckereiketten, aber auch das aus dem Bioladen enttäuschte. Entweder krümelte es, hatte große Löcher, wurde schnell hart oder schmeckte nach nichts. Sind wir Snobs?

Wenn ja, dann gibt es jedenfalls immer mehr von unserer Sorte. Nach zahlreichen Lebensmittelskandalen, nach Berichten über die Haltung von Nutztieren in tierquälerischen Kleinstkäfigen, Reportagen über industriellen Fischfang, der den Menschen vor Ort die Lebensgrundlage entzieht, und detaillierten Beschreibungen über die tatsächlichen Zutaten von Erdbeerjoghurt und Fertiglasagne beäugen viele Verbraucher die Angebote im Supermarkt eher skeptisch. Und fahren lieber aufs Land, um eine Biomolkerei zu finden, die ihnen regionale Milch liefert, sie pflanzen Kräuter auf ihrem Balkon an und verschenken zum Geburtstag Gutscheine für einen »Barista-Kurs«. Barista – was? Ein Barista ist jemand, der in einem Café für die Zubereitung des Kaffees zuständig ist. In letzter Zeit interessieren sich auch immer mehr Laien für deren Kniffe.

Essen und Trinken ist mehr als Nahrungsaufnahme. Das ist nichts Neues, schon immer wurden Mahlzeiten verbunden mit Gemeinschaft, Genuss und Tradition. Als in den 1970er-Jahren die ersten Bioläden öffneten, kam noch die Rebellion dazu. Inzwischen ist Essen für einen Teil der Bevölkerung zu etwas geworden, an das sie ihr Herz hängen und woran sie glauben. Es repräsentiert ihre Werte und unterteilt die Welt in Gut und Böse.

Eine der ersten Fragen an Zimmersuchende in Studenten-WGs lautet inzwischen: Bist du Vegetarier, Veganer oder isst du glutenfrei? Sage mir, was du isst, und ich sage dir, ob du zu uns passt. Hendrik Haase nennt sich »Foodaktivist«, seit er neben dem Studium des Fachs Kommunikationsdesign angefangen hat, sich a

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