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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2017
Was heißt Auferstehung?
Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Patrick Roth und der Theologin Margareta Gruber
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: »Dem Leben so nah«

von Anita Rüffer vom 07.04.2017
Im Garten hinter ihrem Haus findet unsere Autorin Frieden. Und fühlt sich als Teil des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen

Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten«: Eine Karte mit dem Spruch des bengalischen Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore hängt seit vielen Jahren über meinem Schreibtisch. Eine inzwischen verstorbene Nachbarin, Gartenliebhaberin wie ich, hat sie mir einst über den Zaun gereicht. Kaum kündete das Gezwitscher der Vögel im zeitigen Frühjahr vom Wiedererwachen der Natur, trafen wir dort zusammen und inspizierten das Aufbrechen der ersten Knospen am noch kahlen Geäst.

Am Anfang war ein Komposthaufen: Das war meine Art, unser Grundstück in Besitz zu nehmen – lange bevor ein Haus darauf stand. Kontakt aufnehmen mit dem Boden, ihn nähren und fruchtbar machen für die Zukunft, mich selbst darin verwurzeln. Der Garten ist ein Ort, wo ich zu mir komme. Ein Stück Land, das ich hege und pflege, eine kleine Oase des Friedens im Chaos aus menschlichen Machtspielen, aus Kriegen und Krisen in der Welt. Ich entdecke dort einfache Zusammenhänge und vergesse darüber die schnelllebige Zeit. Ich bin dort ganz da. Es macht Spaß aufzubauen, geduldig und beharrlich, während andernorts immer mehr Landstriche unbewohnbar werden. Die Brennnesseln gegen den Ordnungssinn der Nachbarn zu verteidigen, um Schmetterlingen eine Heimat zu erhalten. Als zum ersten Mal ein seltener Schwalbenschwanz über den blühenden Stauden gaukelt, fühlt sich das an wie ein kleiner Sieg im Kampf gegen das Artensterben. Zugleich entsteht in mir eine große Leichtigkeit. Die erste Blindschleiche, die Eidechsen, die sich eingefunden haben und davonhuschen, sobald sie meine Schritte hören, die Bergmolche mit ihrem orange leuchtenden Bauch, die sich ohne mein Zutun in meinem Gartenteich angesiedelt haben – näher am Leben kann ich mich nirgendwo fühlen als in meinem Garten.

Der hat, wie jeder weiß, aber auch seine Schattenseiten. Wenn Schnecken meine mühsam gezogenen Salatpflänzchen als Einladung zu einem Festmenü missverstehen, ist die Freude dahin. Jahre der geduldigen Bodenpflege haben ihnen aber mittlerweile viele Schlupflöcher entzogen. Es bleibt einiges zum Ernten für mich übrig: Obst und Gemüse, frei von Gift und Gentechnik. Stundenlang gießen, wenn es nicht regnen will. Verzweifeln, wenn es nicht aufhören will zu regnen. Immerhin lassen sich in der großen Zisterne Vorräte sammeln. Es ist eine Gratwanderung: zwischen der Freiheit, ganz nach eigenem Gusto etwas gestalten zu können, und hinzunehmen, was sich meinem Ein

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