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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2016
Eine Stadt sucht Heilung
Brüssel nach dem Terror
Der Inhalt:

»Zuhören ist das A und O«

von Bernd Müllender vom 15.04.2016
Alexandra Frings berät ehrenamtlich Menschen, die sich mit HIV infiziert haben. Sie weiß, wie viele Fragen sich nach der Diagnose auftun, denn sie ist selbst seit 13 Jahren HIV-positiv

Ich berate Menschen, die kürzlich die Diagnose »HIV-positiv« erhalten haben. Eine meiner ersten Ratsuchenden war eine junge, frisch verheiratete Frau, Ende zwanzig. Ihre komplette Lebensplanung kam mit der Diagnose ins Wanken. Sie hatte Fragen über Fragen: »Kann ich überhaupt noch ein Kind bekommen?« »Klar«, hab ich gesagt, »das ist heute kein Problem mehr.« Gestern habe ich eine SMS von ihr bekommen: Sie ist schwanger. Wie schön!

Das Projekt, in dem ich ehrenamtlich arbeite, will Menschen eine erste Hilfe bieten. Als »Buddy«, wie wir uns nennen, bin ich ein »Kumpel« für Ratsuchende, jemand, der selbst betroffen ist und mit dem man über alles reden kann. Und gerade Neuinfizierte haben einen riesigen Redebedarf, gleichzeitig aber oft Angst, in ihrem engsten Umkreis darüber zu sprechen. Sie fragen sich: Will mich überhaupt noch jemand als Partner? Was passiert in meinem Beruf? Tausend Dinge. Auch wenn die Therapiemöglichkeiten medizinisch richtig gut geworden sind, haben viele Menschen noch die Bilder aus den 1980er-Jahren im Kopf. Da hieß HIV das baldige Todesurteil.

Ich bin hetero und selbst seit 13 Jahren HIV-positiv. Alle fragen bald, wie es bei mir war. Im Zweiergespräch entsteht schnell eine Vertrauensbasis, man redet sofort über ganz intime Sachen. Manche weinen sehr viel. Trösten und in den Arm nehmen gehört auch dazu, klar.

Wer neu infiziert ist, kann sich über das Portal www.sprungbrett.hiv einen Buddy aussuchen. Wir treffen uns dann in einem Café, beim Spaziergang oder im Büro der Aids-Hilfe. Ich hatte im vergangenen halben Jahr ein halbes Dutzend Gesprächspartner, meist Frauen, alle hetero; nächste Woche kommen zwei neue. Das A und O ist erst mal zuzuhören. Meist führen wir drei Gespräche, dann suchen sich viele eine Selbsthilfegruppe.

Ich habe mich bei meinem Ehemann infiziert. Wir wussten beide durch Tests, dass wir HIV-negativ in die Ehe gegangen waren. Unser Sohn kam zur Welt, alles war gut – aber, tja, es gibt eben keine Garantie auf Treue. Wir haben uns kurz danach getrennt. Jahre später haben wir klären können, wie es zur Infektion kam.

Einen Buddy gab es damals leider noch nicht, so einen »1:1-Kontakt«. Als ich mich fragte, wie ich meinem Sohn von HIV erzählen soll, konnte mir bei der Aids-Hilfe keiner helfen, mangels Erfahrung. Jetzt ist die Hilfe strukturierter, als B

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