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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2016
Eine Stadt sucht Heilung
Brüssel nach dem Terror
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich bin gewollt«

von Helen Knust vom 15.04.2016
Lieselotte Bördner hat sich aus der Depression herausgekämpft. Und ihr Leben ist dadurch reicher geworden

Als mein Vater starb, war ich elf Jahre alt. Seitdem habe ich massive Verlustängste. Richtig umgehauen hat es mich aber viel später, als meine Tochter knapp ein Jahr alt war. Ich hatte mich von meinem Mann getrennt und musste mein Leben mit dem Kind allein auf die Reihe kriegen. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch und bin erst in die Psychiatrie gekommen und von dort in eine psychosomatische Klinik. Meine Tochter ist bei ihrer Tagesmutter geblieben. Acht Mal war ich in ihrem Leben in der Klinik. Da kam dieses schlechte Gewissen: Ich war eine Mutter, auf die man sich nicht verlassen konnte. Die immer wieder krank war. Noch heute ist unsere Beziehung sehr kompliziert.

Meistens fing es mit Schlafproblemen an. Ich konnte nicht einschlafen, bin immer wieder wach geworden, und wenn ich morgens zur Arbeit musste, war ich wie durch die Mangel gezogen. In den letzten Wochen bevor ich in die Klinik gegangen bin, habe ich alles nur noch mit Hängen und Würgen geschafft. Ich hatte das Gefühl, dass die Inhalte verloren gehen, die Dinge keine Bedeutung mehr haben. Völlig überfordert zu sein, keine Kraft mehr zu haben. Nur auf die Toilette zu gehen oder zu duschen, alles ging – wenn überhaupt – nur noch im Schneckentempo. Irgendwie habe ich mich zwar immer so durchgewurschtelt. Gleichzeitig war mir klar, dass es so nicht richtig ist. Aber wie sollte es anders gehen? Diese Verzweiflung. Keinen Weg zu sehen. Es ist wie eine Sackgasse, aus der man aus eigenen Kräften nicht mehr rauskommt, auch wenn man es will.

Ein Mal wurden aus einem geplanten Klinikaufenthalt von drei Wochen fünfeinhalb Monate. Nach 14 Tagen bin ich total zusammengeklappt. Alles war schwer wie Blei. Was ich seelisch als ungeheure und nicht mehr tragbare Last empfunden habe, hat sich körperlich bemerkbar gemacht. Ich war nicht mehr erreichbar, für nichts und niemanden. Ich habe gesehen, was vor sich geht, aber es hat mich nicht berührt, es hat mich nicht mehr interessiert. Eine Freundin hat mir später erzählt, dass ich leichenblass auf meinem Bett gelegen und zu ihr gesagt habe: »Wenn atmen nicht von allein ginge, hätte ich dafür auch keine Kraft mehr.«

Letztlich war es ein sehr guter Psychologe, dem es neben einer guten medikamentösen Einstellung gelungen ist, zu mir durchzudringen. Eines Morgens hat er mich angerufen, noch bevor er zum Dienst gegangen ist. Er sagte: »Haben Sie diesen wunderschönen Sonnenaufgang

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