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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2012
Russisch Roulette im Labor
Die falschen Versprechungen der grünen Gentechnik
Der Inhalt:

Die Lebensmittelretter

von Tonio Postel vom 04.05.2012
Sie leiden keine Not und ernähren sich dennoch aus Mülltonnen. »Freeganer« protestieren gegen Verschwendung

Haufenweise verschweißte Salami, Wurst und Schinken liegen neben Säcken voller Kartoffeln, Pilzen, Paprika, allerlei Obst und Joghurts. Das alles hat Foren-Nutzer »Kuddel« aus Braunschweig feinsäuberlich auf einer braunen Küchenzeile aufgetürmt und ein Bild davon ins Internet gestellt. Nein, es handelt sich dabei nicht um den letzten Großeinkauf eines fürsorglichen Familienvaters. Dies ist viel mehr die fette Beute eines sogenannten »Freeganers«: Jemand, der regelmäßig »containern« geht, sich den Großteil seines Essens aus den Mülltonnen von Supermärkten herausklaubt.

Freeganer, die sich als Teil einer politischen Bewegung verstehen, ernähren sich von dem, was andere wegwerfen. Die aus den USA stammende Bezeichnung setzt sich zusammen aus den Worten free, frei, und vegan, also jenen Menschen, die weder tierische Produkte essen, noch deren Haut für Jacken oder Schuhe tragen. Zwar sind nicht alle Freeganer tatsächlich Veganer, doch so gut wie alle wollen durch ihren Lebensstil ein Zeichen setzen.

So wühlen Freeganer nicht unbedingt aus Armut im Abfall, sondern um der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten: Seht her, wir leben von eurem Überfluss, eurer Verschwendung! Manche von ihnen beschränken sich dabei nicht nur auf Lebensmittel. Sie sammeln auch weggeworfene Möbel und Kleider oder besetzen leer stehende Häuser und üben damit gelebte Kapitalismuskritik.

Eine neue Studie im Auftrag der Bundesregierung zeigt das Ausmaß unserer Wegwerfkultur: Jeder Deutsche wirft pro Jahr über achtzig Kilogramm Lebensmittel weg. Laut der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen landen insgesamt etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Nahrungsmittel in Europa und Nordamerika auf dem Müll. Und das österreichische Institut für Abfallwirtschaft fand heraus, dass jeder Discounter täglich rund 45 Kilogramm an noch genießbaren Lebensmitteln entsorgt.

In manchen Städten sind Freeganer vorbildlich organisiert: In Wien zum Beispiel schwärmen sie in die Bezirke aus und teilen ihre Beute später gerecht auf. In Österreich haben es Freeganer allerdings auch leichter, denn dort gilt Müll juristisch als »herrenlose Sache«, wohingegen er in Deutschland Eigentum darstellt. So erklärt sich, warum hierzulande immer wieder Prozesse gegen Menschen geführt werden, die sich ihr Essen »ohne staatliche Hilfe auf den Tel

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