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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2019
Wahrheit
Auf der Suche nach einem Ideal
Der Inhalt:

Streiten in Zeiten des Populismus

vom 22.03.2019
Beide provozieren, beide bekommen Hass-Mails aus entgegengesetzten Lagern. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer und der Journalist Hasnain Kazim diskutieren darüber, wie sich die gesellschaftliche Spaltung überbrücken lässt

Herr Kazim, als Journalist bekommen Sie Tausende Mails voller Beschimpfungen und Bedrohungen. Sie haben dazu ein von Ironie und Humor geprägtes Buch veröffentlicht.

Hasnain Kazim: Ich bekomme unfassbares Zeug: Man möchte mich vergasen; mich aufhängen. Mir wird gesagt: »Hau ab, Kanake, du hast hier das Maul nicht aufzureißen.« Meine Art, damit umzugehen, ist, diesen ganzen Unflat mit Humor zu schrumpfen auf ein Maß, das für mich erträglich ist.

Wie lange machen Sie das schon mit?

Kazim: Seit ich als 16-Jähriger für eine Tageszeitung schrieb. Inzwischen bekomme ich diesen Hass noch deutlicher zu spüren. Einen großen Schub gab es 2010, als Thilo Sarrazin sein Buch »Deutschland schafft sich ab« veröffentlichte. Das hat Dämme brechen lassen. Die Leute sagten, wenn der das sagt, dann darf ich das auch. Dann kam 2015 die Flüchtlingsthematik auf. Und noch einmal schärfer wurde der Hass, als die AfD 2017 in den Bundestag einzog.

Was war der Auslöser, das Buch zu schreiben?

Kazim: Im Februar 2016 habe ich auf Spiegel Online einen Kommentar über Pegida veröffentlicht. Daraufhin bekam ich knapp 8000 E-Mails. Beschimpfungen aller Art. Kurz darauf gab es den Dialog mit Karlheinz. Der schrieb: Komm zu mir, dann zeige ich Dir, was ein richtiger Deutscher ist. Ich schrieb ihm: Ich käme sehr gern, mit meinem Harem, meinen vier Frauen usw. Ich habe alle Vorurteile, die so ein Mensch haben kann, bestätigt. Anstatt zu kapieren, dass das ein Witz war, bekam er Angst. So entwickelte sich ein Dialog, den ich lustig fand. Ich habe ihm angedroht, ich käme mit Ziegen, die wir in seinem Garten schächten würden. Diesen Dialog habe ich bei Facebook veröffentlicht. Daraufhin gab es Anfragen: Hast du mehr davon? Klar, ich hatte tonnenweise davon, viele Dialoge. In Wahrheit ist es so: Es macht keinen Spaß.

Herr Palmer, hat Ihnen die Lektüre des Buches Spaß gemacht?

Boris Palmer: Durchaus. Ähnliche Dialoge habe ich auch erlebt. Auch ich bin bei manchen Leuten so verhasst wie Herr Kazim. Zum einen wegen meiner jüdischen Vorfahren. Ich habe auch schon Post mit »Vergasen!« bekommen. Zum anderen, weil ich ab und zu Dinge sage, die manchen nicht schmecken, mal den Rechten, mal den Linken nicht. Im Herbs

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